wende nahtlos in das geschilderte Konfliktschema ein. Obwohl auch sie der Proletari¬ sierung unterworfen waren, fühlten sie sich im Kaiserreich aufgehobener als ihre katholischen Arbeitskollegen, war ihr Einverständnis mit der Macht weitaus stärker entwickelt. Dieses höhere Maß an Integration entsprang keineswegs einer größeren Sensibilität des Protestantismus für die „soziale Frage“: Die mit dem Mainzer Bischof Wilhelm Emanuel Freiherr v. Ketteier einsetzende Öffnung der katholischen Kirche hin zu oppositionellen Strömungen aus den Unterschichten12 besaß im deutschen Protestan¬ tismus keine Entsprechung.13 Johann Hinrich Wicherns Konzept der „Inneren Mis¬ sion“ blieb der Tradition der Diakonie verhaftet, Fragen des Wahl- oder Arbeitsrechts etwa kamen ihm nicht in den Sinn.14 Victor Aimé Hubers Appell an die Besitzenden, sich durch die Gründung von Konsum- und Siedlungsgenossenschaften an die Spitze einer Aktion der Selbsthilfe stellen, verhallte ungehört.15 Adolf Stoecker löste sich zwar von den Vorstellungen caritativer Sozialarbeit und forderte statt dessen Sozial¬ politik, zweifelhafte Popularität gewann er jedoch durch seinen Antisemitismus.16 Dominant blieb indes die Position, daß sozialpolitische Aktion ein Widerspruch gegen den Grundgedanken der Kirche sei. Wer da meint, hieß es noch 1887, daß die Kirche auch der sozialen Frage gegenüber eine andere Aufgabe habe als Predigt und Seelsorge, der ist auf dem Römischen Irrweg.17 Dieser traditionellen Maxime, die gesellschaftliche Konflikte zu Fragen persönlicher zwischenmenschlicher Verhältnisse reduzierte, war auch der Gersweiler Pfarrer Adolf Fauth verpflichtet, der innerhalb der Saarbrücker Synode jahrzehntelang als Spezialist für die „soziale Frage“ fungierte. Seine zahlreichen und erbaulichen Betrachtungen im „Evangelischen Wochenblatt“ warnten vor der Mischehe, vor Vergnügungssucht, Borgwirtschaft und Sozialdemo¬ 12 Vgl. seine berühmte Rede „Die Arbeiterbewegung und ihr Streben im Verhältnis zu Religion und Sittlichkeit“ auf der Liebfrauenheide bei Offenbach am 25. 7. 1869, abgedruckt bei Ernst Heinen, Staatliche Macht und Katholizismus in Deutschland, Bd. 2, Paderborn 1979, S. 120-136; systematisierend Franz Josef Stegmann, Geschichte der sozialen Ideen im deutschen Katholizismus, in: Helga Grebing (Hrsg.), Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland, München-Wien 1969, S. 325-560. 13 Zusammenfassende Analyse bei Friedrich Karrenberg, Geschichte der sozialen Ideen im deutschen Protestantismus, in: Grebing, Geschichte, S. 561-694; vgl. Erkki Kouri, Der deutsche Protestantismus und die soziale Frage 1870-1919. Zur Sozialpolitik im Bildungsbür¬ gertum, Berlin-New York 1984; Hugh McLeod, Protestantism and the Working Class in Imperial Germany, in: European Studies Review 12 (1982), S. 323-344; zur neopietistischen Ausnahme von der Regel Josef Mooser, Religion und sozialer Protest. Erweckungsbewegung und ländliche Unterschichten im Vormärz am Beispiel von Minden-Ravensberg, in: Heinrich Volkmann/Jürgen Bergmann (Hrsg.), Sozialer Protest. Studien zu traditioneller Resistenz und kollektiver Gewalt in Deutschland vom Vormärz bis zur Reichsgründung, Opladen 1984, S. 304-324; die wichtigsten kirchenoffiziellen Verlautbarungen 1871-1914 sind abgedruckt bei Günter Brakeimann, Kirche, soziale Frage und Sozialismus, Bd. 1, Gütersloh 1977. 14 Vgl, William O. Shanahan, Der deutsche Protestantismus vor der sozialen Frage 1815-1871, München 1962. 15 Vgl. Ingwer Paulsen, Victor Aimé Huber als Sozialpolitiker, 2. Auf]. Berlin 1956. 16 Vgl, Günter Brakelmann/Martin Greschat/Werner jochmann, Protestantismus und Politik. Werk und Wirkung Adolf Stoeckers, Hamburg 1982; Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt 1988, S. 87-99. 17 Gerhard Uhlhorn, Katholizismus und Protestantismus gegenüber der sozialen Frage, Göttin¬ gen 1887, S. 35 f. 61