waren staatstragend, hurrapatriotisch und strukturkonservativ. Dies galt in gleichem Maße auch für die evangelischen Arbeiter, die selbst in der „großen Streikzeit“ 1889-1893 mit wenigen Ausnahmen völlig passiv blieben und unbeirrbare Königs¬ treue demonstrierten. Unmittelbar nach der Jahrhundertwende jedoch zerfiel dieser bislang monolithische Block nach klassenmäßigen Gesichtspunkten: Der sich allmäh¬ lich vergrößernde Anhang der freien Gewerkschaften und der SPD rekrutierte sich vor 1914 fast ausschließlich aus Protestanten. Dieser Trend setzte sich nach 1918 mit noch größerem Tempo fort: Die Hochburgen von SPD und KPD lagen in den 20er Jahren ausnahmslos in dominant evangelischen bzw. konfessionell stark durch¬ mischten Orten. Gemeinden mit klarer katholischer Mehrheit hingegen blieben durchgängig - sieht man von Dillingen in den frühen 20er Jahren ab - Bastionen des Zentrums und der christlichen Gewerkschaften. Binnen einer Generation hatte sich damit in weiten Teilen der protestantischen Arbeiterschaft ein grundlegender Wandel der Orientierungs- und Verhaltensmuster vollzogen. Die Verhältnisse des ^.Jahr¬ hunderts waren in doppelter Weise auf den Kopf gestellt worden: Die katholischen Arbeiter, die vor 1900 die Rebellen gewesen waren, bildeten nunmehr das konserva¬ tive, beharrende Element, während sich die einstmals extrem obrigkeitsloyalen Protestanten in klassenbewußte Proleten verwandelt hatten.2 Dieses Fragezeichen aufwerfende, zwischen Machtanbetung und Revolte oszillierende Verhalten der evangelischen Arbeiter soll im folgenden in einigen Grundlinien dargestellt und analysiert werden. Dabei geht es wohlgemerkt nicht primär um die kirchenhistorische Fragestellung nach der Entwicklung der Lehrmeinungen zur „sozia¬ len Frage“, sondern um eine sozialhistorische Perspektive, die das religiöse Handeln von einzelnen Menschen und Gruppen in seiner gesellschaftlichen Bedingtheit thema¬ tisiert, das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft hinterfragt, Religion in ihrer sozialen Interdependenz begreift, sie in ständiger Wechselbeziehung mit anderen gesellschaftlichen Wirklichkeitsbereichen interpretiert.3 Grundlegend für das Verständnis von Religion im Saarrevier ist der säkulare Prozeß der Konfessionsverschiebung, meines Erachtens neben dem der spezifischen Klassen¬ bildung der wichtigste Schlüssel zum Verständnis der sozialen Vorgänge des vergan¬ 2 Ausführlich zur Sozialgeschichte des Saarreviers im 20. Jahrhundert Klaus-Michael Mall¬ mann/Horst Steffens, Lohn der Mühen. Geschichte der Bergarbeiter an der Saar, München 1989, S. 98-275. 3 Grundlegend zu einem sozialhistorischen Ansatz in der Erforschung von Religion Richard van Dülmen, Religionsgeschichte in der historischen Sozialforschung, in: Geschichte und Gesell¬ schaft 6 (1980), S. 36-59; Rudolf von Thadden, Kirchengeschichte als Gesellschaftsgeschich¬ te, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 598-614; Wolfgang Schieder, Religion in der Sozialgeschichte, in: ders./Volker Sellin (Hrsg.), Sozialgeschichte in Deutschland. Entwick¬ lungen und Perspektiven im internationalen Zusammenhang, Bd. 3, Göttingen 1987, S. 9-31; zusammenfassend aus religionssoziologischer Perspektive Michael N. Ebertz/Franz Schul¬ theis, Populäre Religiosität, in: dies. (Hrsg.), Volksfrömmigkeit in Europa. Beiträge zur Soziologie populärer Religiosität aus 14 Ländern, München 1986, S. 11-52. 58