Michael Sander Gewerkschaftsbewegung im Montanrevier - Arbeiter und ihre Organisation an der Saar* Einleitung In seiner 1987 unter dem Titel „Autorität und Revolte. Alltagsleben und Streikverhal¬ ten der Bergarbeiter an der Saar im 19. Jahrhundert“ erschienenen Dissertation nennt Horst Steffens zwei Beobachtungen über die Arbeiterverhältnisse an der Saar, die ihn zu seiner Arbeit angeregt hätten. Er schreibt: „Im Rahmen eines Forschungsprojektes über ,Basisprozesse und Organisationsprobleme1 deutscher Handwerker und Arbeiter¬ bewegungen fiel uns bei der Lektüre eines langjährigen Standardwerkes zur deutschen Arbeiterbewegung auf, daß zu Beginn der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts kein anderes deutsches Bergbaugebiet einen so hohen Organisationsgrad der Bergarbeiter verzeichnete wie das Saarrevier.“ Dieser Beobachtung widersprach die folgende: „Mit Ausnahme des Jahres 1892 verzeichnete die erwähnte Statistik bei Dieter Fricke ausschließlich ,Fehlanzeige1 bezüglich der gewerkschaftlichen Organisation der Saarbergarbeiter. Während überall im Kaiserreich die Gewerkschaften einen manchmal enormen Mitgliederzuwachs verzeichneten, schien der Organisationsgrad im Bergrevier an der Saar von ca. 75 % schon einige Jahre später auf ,Null‘ zurückzugehen und bis 1913 dort zu verhar¬ ren.“1 Wenn auch die Widersprüchlichkeit der Entwicklung an der Saar richtig erkannt ist, beruht die zweite Aussage auf einer Fehlinterpretation der Zahlen, die die General¬ kommission der Gewerkschaften Deutschlands in den Protokollen der Gewerkschafts¬ kongresse veröffentlicht hatte und die Dieter Fricke in sein in Ost-Berlin erschienenes Handbuch „Die deutsche Arbeiterbewegung 1869 bis 1914“ übernommen hat.2 Während für 1892 die Mitgliederzahlen von regionalen Bergarbeiterverbänden ange¬ geben sind, handelt es sich für die folgenden Jahre um die Mitgliederzahlen des nationalen Bergarbeiterverbandes. Für diese Zeit kann man daher gar nicht auf die Stärke einer Organisation an der Saar schließen. Außerdem beruht diese Aussage auf einem Irrtum, der bis vor mehreren Jahren in der Forschung zur Geschichte der Arbeiterbewegung weit verbreitet war: nämlich der Gleichsetzung von Arbeiterbewegung und sozialdemokratischer Bewegung. Bei den Bergarbeitern an der Saar hatte sich jedoch vor dem 1. Weltkrieg der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter durchgesetzt. * Inzwischen ist eine Darstellung der Bergarbeiterbewegung an der Saar erschienen, deren Ergebnisse nicht mehr eingearbeitet werden konnten: Klaus-Michael Mall mann - Horst Steffens, Lohn der Mühen. Geschichte der Bergarbeiter an der Saar, München 1989. 1 Horst Steffens, Autorität und Revolte. Alltagsleben und Streikverhalten der Bergarbeiter an der Saar im 19. Jahrhundert. Weingarten 1987 ( = Sozialgeschichtliche Bibliothek im Drumlin Verlag. Hg. v. Dieter u. Ruth Groh), S. 17. 2 Dieter Fricke, Die deutsche Arbeiterbewegung 1869 bis 1914. Ein Handbuch über ihre Organisation und Tätigkeit im Klassenkampf. Berlin 1976, S. 696. 40