7. Zur Bedeutung der Namen für eine interdiszip¬ linäre Diskussion: Bausteine für eine Sprach- und Siedlungsgeschichte kleiner Räume 7.1. Flurnamenräume im Untersuchungsgebiet (Ruth Kunz) Eine Untersuchung der geographischen Verbreitung der rezenten hessischen Flurnamen mit den Materialien des Hessischen Flurnamenatlasses, dessen ,,erklärte[s] Ziel“ es war, „vorwiegend solche Namen darzustellen, deren heu¬ tige Verbreitung im hessischen Raum deutliche regionale Vorkommensunter¬ schiede aufweist“ (RäMGE 1987b, 18), ermöglichte Hans Ramge die Heraus¬ arbeitung hessischer Flumamenlandschaften (ebd., Karte 14), deren Struktu¬ ren in charakteristischer Weise Übereinstimmungen zeigen sowohl mit der dialektal-phonologischen Gliederung der Sprachräume nach Wiesinger (1980) als auch mit der lexikalischen Raumtypologie HILDEBRANDTS (1983). Die geographische Fage Hessens in der Mitte des deutschen Sprachgebietes führt dazu, dass „die hessischen Flumamenräume509 [...] im Spannungsfeld nord-südlich und ost-westlich orientierter Namenräume“ stehen (ebd., 42). Exemplarisch sei hier eine Namenschranke vorgestellt, die bei der Konstituie¬ rung der hessischen Flumamenräume eine zentrale Rolle spielt, die sogenann¬ te mittelhessische Namenscheide. Sie ist nach Ramge die „bei weitem wich¬ tigste Grenzzone in der Struktur der hessischen Flurnamenräume“. Das Zent¬ rum dieser Zone verläuft vom Raum Biedenkopf südlich der oberen Lahn in südöstlicher Richtung zwischen Marburg und Gießen hindurch und weiter am südlichen Vogelsberg entlang und endet an der mittleren Kinzig; die nördlich und südlich dieses Zentrums gelegenen Räume gehören als „Nordsaum“ und „Südsaum“ - die Grenzsäume werden von Ramge jeweils mit einer Breite von 20 bis 30 km angesetzt - zur mittelhessischen Namenscheide dazu (ebd., 28-32 sowie Karten 5 und 6). Am Beispiel der beiden semantisch überein¬ stimmenden „Massennamen“ Trieb und Trift (,Weg des Viehs zur Weide4; ,Weideland4) beschreibt Ramge das Funktionieren dieser Namenscheide: Das starke nördliche Vorkommen von Trift und das ebenso starke südliche Vor¬ kommen von Trieb enden an der mittelhessischen Namenscheide. Im Süden finden sich nur noch ganz vereinzelt Trift-Belege, im Norden ebenfalls nur vereinzelt Trieb-Belege. Das jüngere südliche Trieb, das sich im Oberdeut¬ schen durchgesetzt hat, hat, so deutet Ramge die Verteilung der Belege, im südlichen und mittleren Hessen das ältere Trift ersetzt, aber nicht vollständig abgelöst. An der mittelhessischen Namenscheide hört dieser Ersetzungspro¬ zess abrupt auf. Diese „bemerkenswert scharf ausgeprägte Begrenzung“ in der 5uy Der Terminus ,Flumamenraum4 wurde von Hans Ramge geprägt, ebenso der im Folgenden verwandte Begriff der .Namenscheide4. 419