Man wird angesichts dieser Beobachtungen durchaus geneigt sein, iiir die betroffenen Regionen auch mit einer Siedlung zu rechnen, deren grundherr¬ schaftliche Impulse aus dem Westen kamen, und nach Möglichkeiten suchen, solche Befunde mit Hilfe anderer methodischer Ansätze und anhand anderer Materialien einer näheren Überprüfung zu unterziehen. Hier ist mit Wolfgang KLEIBER (1986a, 1989, 1995) vor allem an eine Vertiefung von Beobach¬ tungen aus dem Bereich der Lexik sowie der Flur- und Stellennamen zu den¬ ken, in denen sich relikthaft durchaus auch .nordwestgermanisches' Wortgut erhalten zu haben scheint, das über eine eingebrochene ,westfränkische" Brü¬ cke vermittelt sein könnte (Kleiber 1995, 717). Je mehr solcher ,nordseeger¬ manischer" - und auch nach Westen, in den Bereich des alten ,Westfrän¬ kischen' verweisender - Spracheigentümlichkeiten sich bei gezielter Beobach¬ tung an Mosel und Saar nachweisen lassen, umso eher lässt sich (natürlich immer in Kombination mit anderen, auch nichtsprachlichen - etwa archäo¬ logischen - Indizien) ein vermuteter Einfluss westlicher fränkischer Gruppen bei der frühmittelalterlichen Aufsiedlung des Saar-Mosel-Raums erhärten. Die Rekonstruktion alter Beziehungen zwischen den einzelnen historischen Sprachen des Westgermanischen', d. h. den Dialekten der ,Frankengruppe' und den sie umgebenden .nordseegermanischen' und .elbgermanischen' Va¬ rietäten, hat sich bisher in erster Linie an charakteristischen Lautentwick¬ lungen und morphologischen Eigentümlichkeiten der nieder-, mittel- und rheinfränkischen Mundarten orientiert (exemplarische Zusammenstellung re¬ präsentativer Phänomene z. B. bei HaubrichS 1998, 125). Beim derzeitigen Forschungsstand lassen sich deshalb auf der Ebene der Lautung, Morphologie und Wortbildung der Sprache Verbindendes und Trennendes sehr viel leichter herausarbeiten als etwa im Bereich der Lexik, der insgesamt noch sehr im Dunkeln liegt. Indessen wirkt sich gerade bei Fragen der Lautung und Mor¬ phologie ein für die historische Sprachforschung grundsätzliches Problem be¬ sonders nachhaltig aus: Die Erschließung älterer Sprachzustände hängt we¬ sentlich von der Möglichkeit ab, die schriftliche Überlieferung lautlich inter¬ pretieren zu können; die erhaltene Text- und Namenüberlieferung kann aber - wie die neuere Schriftlichkeitsforschung immer stärker erkennt - nicht aus¬ schließlich auf die Funktion der akkuraten Wiedergabe von Gesprochenem reduziert werden (vgl. Debus 1983, 930ff.; Sonderegger 1983, 1533ff.). Auch deshalb hat für eine Dokumentation „sprachlicher Unterschiede der al¬ ten Stammeseinheiten“ (KÖNIG 1998, 69) die Rekonstruktion von Wort- und Namenräumen als wichtiges Arbeitsfeld zukünftiger Forschung zu gelten (vgl. Pitz/Schorr 2003). Es muss betont werden, dass ein solcher Ansatz, der die Ortsnamenkunde für die historische Wortgeographie nutzbar macht, auch dann sinnvoll ist, wenn man andere Erklärungshypothesen für die Genese des sogenannten .Rheinischen Fächers' favorisiert als die weiter oben vorgetragenen. Durch eine Auswertung von Toponymen und Mikrotoponymen einschließlich des