2 Propaganda im Abstimmungskampf 2.1 Pressepropaganda Wie in den vorangegangen Jahren auch sollte der „Saar-Freund“ das Flaggschiff der literarisch-publizistischen Aufklärung und Werbung bleiben1. Der Gesamtseiten¬ umfang des Kampforgans nahm durch kürzere Erscheinungsintervalle und jeweils stärkere Einzelausgaben gegen Jahresende 1934 erheblich zu2. Dieser Jahrgang des „Saar-Freund“ präsentierte sich seinen Lesern erstmals mit einem veränderten Titelkopf: Die schon von den Plakaten zur Niederwaldtagung bekannte Schwurhand trat hinter das skizzierte Winterbergdenkmal und überragte mit diesem eine im Schattenumriß dargestellte Industrielandschaft. Zugleich wandelte sich der Untertitel in „Organ für den deutschen Saarfreiheitskampf. Mitteilungsblatt des Bundes der Saar-Vereine“. Als sichtbares Indiz für die gleichgeschaltete Zeitung erschien nun auch das Hakenkreuz im Kopf der Halbmonatsschrift, deren Auflage schließlich 45.000 Exemplare erreichte3. Zu diesen äußeren Veränderungen legte sich der „Saar-Freund" nach 1933 einen aggressiveren und härteren Ton gegen politische Gegner zu. Die Radikalisierung der Sprache machte selbst vor dem sonst eher nüchternen Juristen Andres nicht halt, der bei öffentlichen Auftritten nun auch auf das Repertoire der Blut- und Boden-Termi¬ nologie zurückgriff, um die Rückgliederung zu rechtfertigen4 *. Da die Regierungs¬ kommission und Frankreich ebenso wie der Völkerbund als Ziele der verbalen Attacken ausschieden', konzentrierte sich die Redaktion unter Posselts Leitung darauf, die Gegner der Rückgliederung bzw. Anhänger des Status quo zu diskreditie¬ ren. was weit über die „Feindbildpräparierung“6 * der Weimarer Jahre hinausging. Während die Fassade der parteipolitischen Objektivität bis 1933 mühevoll gegen Kritiker im eigenen Lager und Zweifler von außen aufrechterhalten wurde, galten die einstigen scharfen Angriffe von links gegen die nationalistische Saarvereinspropa¬ 1 Vgl. Denkschrift „Der ,Saar-Freund1 im Endkampf um die Saarlösung“ (Dezember 1933), in: PA AA, II a Saargebiet. R 76.096. Zur Instrumentalisierung der Presse durch die Partei und den Staat während des Nationalsozialismus, der die einstige freie Konkurrenz beseitigte und an die Stelle von Information die Manipulation setzte, vgl. ABEL, S. 48 f.; BRAMSTED. S. 148-174; FREI/ SCHMITZ, S. 9-38; KOSZYK, S. 347-427 : Vgl. hierzu die Graphik auf S. 226. 1 Vgl. Brief der GSV an Posselt (24.11.34), in: LA Saarbrücken, Saar-Verein 7. Zu Jahresanfang 1934 lag die Auflage noch bei 4.000 Exemplaren: Vgl. Brief der GSV an Dr. Brill (06.01.34), in: BA-R 8014/764. 4 Vgl. SF 15 (1934) 16/17, S. 319 ff. DIECKMANNS (Zum Wörterbuch des Unmenschen, S. 108) Kriterien des „totalitären Sprachstils“ finden sich in zahlreichen Artikeln des SF nach 1933 wieder. Vgl. Presseanweisung Nr. 420 (07.04.34), zitiert nach BRAMSTED, S. 231. 6 PAUL: Deutsche Mutter, S. 193. Anregungen stammten unter anderem von der Gestapo: Vgl. Schrift¬ wechsel zwischen der GSV und dem Berliner Gestapoamt (Frühjahr 1934), in: BA-R 8014/683. Vgl. hierzu: SF 14 (1933) 24. S. 456 ff.; SF 15 (1934) 16/17, S. 329 ff.; SF 15 (1934) 22; Sondernummer 1 (1934/35), S. 12; Sondernummer 2 (1934/35), S. 19-23. Zur Ausgrenzung der Rückgliederungsgegner im Alltag vgl. Kunkel, S. 27; von zur Mühlen: Schlagt Hitler, S. 211-221; PAUL: Deutsche Mutter. 322