d'Orsay den Berliner Botschafter, bei der deutschen Reichsregierung vorstellig zu werden und darauf zu drängen, daß künftig Kundgebungen in der Nähe der französi¬ schen Grenze unterblieben476. Entsprechend nahm Morize vermeintliche Rückschläge befriedigt zur Kenntnis, beispielsweise, als anläßlich der Tagung in Münster 1929 kein Sonderzug aus Saarbrücken zustande kam und der deutsche Rundfunk sich weigerte, die Veranstaltung zu übertragen477 480. Während die Gründungs Versammlung in Bielefeld ebenso wie die erste Tagung des Bundes in Kassel nur eher beiläufig beachtet wurde, interessierten sich die französi¬ schen Vertretungen stärker für die nachfolgenden Kongresse. Etwa bis Frühjahr 1922 scheint sich herauskristallisiert zu haben, daß der Saarverein nicht zu den zahlrei¬ chen. oft völlig spontan gegründeten und ebenso schnell wieder von der national- patriotischen Bildfläche verschwundenen Organisationen zählte, sondern eine feste Größe innerhalb des deutschen Propagandaapparates darstellte47*. Bis dahin wurde er sogar mit dem völlig konträre Ziele verfolgenden Saarbund verwechselt476. Dank eines Spitzels, den das Düsseldorfer Konsulat eingeschleust hatte, erfuhren die Franzosen auch Details aus den internen Beratungen der Dortmunder Bundestagung 1922. Dem unbekannten Beobachter zufolge verliefen die Sitzungen in einer na¬ tionalismusgeschwängerten Atmosphäre, in welcher Haß gepredigt und Vergeltung gefordert wurde4*0. Es sollten allerdings noch einige Jahre ins Land gehen, bis die Franzosen realisierten, daß der Bund der Saarvereine nicht alleine antifranzösische Ressentiments weckte und schürte - was schon Grund genug gewesen war, ihn zu bekämpfen -, sondern zugleich eine auf das Plebiszit ausgerichtete prodeutsche Propaganda betrieb. Etiket¬ ten wie „Association pangermaniste“ bzw. „nationaliste“ verwischten die eigentliche Bedeutung des Saarvereins, indem sie ihn mit rechtsgerichteten Verbänden auf eine Stufe stellten. Gerade in Hinblick auf das Rheinland, wo die Bundesorganisation im Laufe der zwanziger Jahre kontinuierlich wuchs, überrascht es, daß die „Haute Commission Interalliée des Territoires Rhénans“ ihr nur verhältnismäßig wenig Saarverein über gewaltige finanzielle Mittel verfüge, zieht sich wie ein roter Faden durch die französi¬ schen Dossiers. Vgl. Renseignement (06.10.21), in: MAE, Sarre 115. Vgl. ebenso die Vorwürfe, die Jean Revire im „Le Figaro“ (Nr. 213 (31.07.32); SF 13 (1932) 16, S. 246 ff.) gegen den Verein erhob. 476 Vgl. Brief des französischen Außenministeriums an die französische Botschaft Berlin (18.07.31), in: MAE, Sarre 280; Note der französischen Botschaft Berlin (23.07.31), in: PA AA, Il a Saargebiet. R 76.093. 47 Vgl. Brief Morizes an Außenminister Briand (25.06.29), in: MAE, Sarre 117, 478 Vgl. Renseignement (30.10.22), in: C.A.D.N., Amb. Berlin B 603. In internen Verzeichnissen aus dem Jahr 1922 ist er einmal unter den „Associations spéciales de Propagande“ (25.01.22. in: Archives de S.H.A.T., 7 N/ 2635) aufgeführt und erscheint ein anderes mal unter den „Sociétés irrédentistes“ (ohne Datum, in: Ebd.). Der Stabchef der französischen Armee ließ etwa zu dieser Zeit ein zweiseiti¬ ges Dossier anlegen: Vgl. ebd. Ein Compte-rendue trimestriel zählte ihn zu den „Groupements de Protection du Germanisme“ (31.03.23), in: Archives de S.H.A.T., 6 N/ 83. 474 Vgl. Renseignement (06.09.21), in: MAE, Sarre 115. 480 Vgl. Brief des französischen Konsulats Düsseldorf an Außenminister Poincaré (08.05.22), in: MAE. IG Sarre 666; Renseignement (24.05.22), in: MAE, Sarre 115. 213