Das gemeinschaftliche Singen des Saarliedes und Deutschlandliedes hatte sich in vielen Gruppen zu einem festen Ritual am Ende von Versammlungen entwickelt. Ähnlich wie das Bewahren alter Traditionen164 wirkte der kollektive Vollzug des Rituals identitätsstiftend und -bekräftigend. Vogel versuchte zwar, eine saarvereins¬ spezifische Hymne zu schaffen165, doch konnte diese selbst innerhalb der Orts¬ gruppen nie die gleiche Popularität wie das Lux'sche Saarlied erlangen. Weitere „Verdichtungssymbole“166 stellten das Bundesabzeichen167 und die eigene Vereins¬ fahne einer Ortsgruppe dar. Oft mußte jahrelang für die Anschaffung dieses gemein¬ samen Erkennungszeichens gespart werden, das in der Regel mit dem Emblem des Winterbergdenkmals geschmückt war. Feierlich erfolgte dann die Weihe und öffentli¬ che Präsentation der Fahne, die wegen ihres quasi-sakralen Charakters nur bei besonderen Anlässen gezeigt wurde168 *. Einen wichtigen Bestandteil des Vereinslebens stellten die Feiern und Feste dar. Gleichgültig, ob sich die Gruppen an den Festivitäten ihrer Heimatgemeinde be¬ teiligten, gemeinsam nationale Gedenktage begingen oder vereinsinterne Feiern wie Stiftungsfeste und Fahnenweihen ausrichteten - all diesen Veranstaltungen war gemein, daß sie den Mitgliedern und Gästen eine Alternative zum unspektakulären Arbeitsalltag und damit ein Regulierungsventil ihres seelischen Haushalts boten. Zugleich wohnte den Feiern und öffentlichen Veranstaltungen neben dieser entla¬ stenden zugleich auch eine integrierende Funktion inne: Sie festigten den Zusammen¬ halt der Gruppe und warben neue Mitglieder. Angesichts des immer breiter gefächer¬ ten Angebots, freie Zeit zu verbringen, mußten auch auf lokaler Ebene immer spekta¬ kulärere Veranstaltungen aufgezogen werden, wollten sich die Ortsgruppen gegen¬ über der Konkurrenz behaupten161. Doch anders als auf der Bundesebene, wo das Konkurrieren mit anderen Organisationen die Kräfte der Zentrale band, dürfte der Wettstreit innerhalb einer Gemeinde die Ortsgruppen zusammengeschweißt sowie die interne Solidarität und Identität gestärkt haben170. Im Alltag der Ortsgruppen nahm die Befriedigung des Bedürfnisses nach Geselligkeit und Zerstreuung schon früh ein solches Ausmaß an. daß sich die Appelle, sich die Ernsthaftigkeit der Saarvereins¬ arbeit zu vergegenwärtigen, wie ein roter Faden durch den Schriftverkehr des Bundes 164 Beispielsweise legte die Berlin Ortsgruppe am 06.08.20 am Denkmal Wilhelms I. einen Kranz nieder, um der Schlacht bei Spichern zu gedenken: Vgl. SF 1 (1920) 15, S. 137. Im Laufe der Jahre erhielt der 6. August den Charakter eines gruppeninternen Feiertages. 165 Vgl. LA Saarbrücken, Saar-Verein 20. Siehe Dok. 5 im Anhang. 166 Vgl. hierzu: VOIGT, S. 14. 167 Vgl. hierzu S. 270 f. 168 Vgl. Bericht über die Fahnenweihe in Köln am Pfingstmontag 1930 in: SF 11 (1930) 12, S. 218 f. '’M Vgl. zu dieser Thematik allgemein: GEBHARDT: Fest, S. 172-176. Weiterfiihrende Literatur in: Blessing, Anm. 2 (S. 432). Dies führte teilweise so weit, daß beispielsweise die kleine Ortsgruppe Lintfort im Mai 1929 eine dreitägige Vergnügungsveranstaltung plante, in welcher die kurze Saar¬ kundgebung wie ein Fremdkörper wirkte: Vgl. Brief der CSV an Wilhelm Thomae (24.04.29), in: BA¬ RBOI 4/472. 170 Vgl. SF 11 (1930) 19, S. 362. 102