machtvollen Kundgebungen geleitet“ zu haben141. Damit trug der Bund der Saarver¬ eine - freilich ohne es zu wollen - zur Herausbildung eines saarländischen Eigenbe¬ wußtseins bei142 143. Einerseits versuchte er stets, die 15jährige Selbständigkeit der Saar als Fehlgriff der Versailler Friedensordnung zu brandmarken und den konstruierten, widernatürlichen Charakter des Saargebiets hervorzuheben, um der Autonomiebewe¬ gung keine Schützenhilfe zu leisten oder den Separatismusgedanken zu stärken141. Andererseits förderte gerade er unter den Saarländern im Reich deren Bindungen an das bis dato nur als wirtschaftliche Einheit verstandene Revier144: Die saarländischen Arbeiter, welche infolge der „Herr-im-Haus-Politik“ der saarländischen Industriellen während des Kaiserreiches aus dem Industriegebiet vertrieben worden waren, hatten anderenorts Aufnahme in den dort bestehenden Vereinen gefunden, ohne der Idee zu verfallen, Vereinigungen mit originär saarländischer Ausrichtung zu initiieren14". Das Beschwören .,saarländischer“ Heimatgefühle warein Spezifikum, das jenseits der neu gezogenen Grenzen erstmals vom Saargebietsschutz und als dessen Nachfolgerin der Geschäftsstelle „Saar-Verein“ betrieben wurde. Versuche, sich von den traditio¬ nellen Landsmannschaften des Westens zu distanzieren, entsprangen der Überlegung, daß sich der Volkscharakter des Saarländers von dem des Rheinländers unterscheide und den Saarvereinen aufgrund der Abstimmung andere, wichtigere Aufgaben zufielen146. Die Bindungen an die Saar sollten durch praktische Erfahrungen gestärkt werden und sich nicht allein auf gebürtige Saarländer beschränken: Im Frühjahr 1928 rief die Geschäftsstelle die reichsdeutsche Bevölkerung auf147, das landschaftlich reizvolle 141 SF 10 (1929) 11, S. 236. Einer der ambitioniertesten Förderer der neu kreierten Heimatkunde in der Zwischenkriegszeit erkannte allerdings auch ihre Gefahr: Das permanente Berufen auf saarländische Heimatverbundenheit hätte sich dann als kontraproduktiv erweisen können, wenn die Franzosen auf die Idee gekommen wären, eine selbständige Saar-Heinrat zu proklamieren: Vgl. Brief Santes an Busley (16.01.33), in: Archiv des LVR, 3794. Im Grunde genommen lief die Forderung „Das Saarland den Saarländern!“ genau darauf hinaus: Vgl. Lempert. 142 Vgl. hierzu die Ausführungen über die Herausbildung einer saarländischen regionalen Identität durch verschiedene „Identitätsschübe“ bei: DILLMANN; HANNIG: Der gelenkte Blick, S. 253-256; PAUL: Bastion im Westen: WITTENBROCK. Kritik an dieser Identitätskonstruktion äußert HORCH: Saarlän¬ dische Legenden, S. 35 f. Vgl. zur kollektiven Identität der Saarländer außer der bereits zitierten Literatur die Beiträge von Flender: Vom Saargebiet zum Saarland, S. 125-143 und BRIESEN. 143 ANDRES (Grundlagen des Rechtes, S. 40) stützte dies wissenschaftlich ab. Das Leugnen der Staatlich¬ keit zieht sich wie ein roter Faden durch die Publikationen des Verein. Vgl. exemplarisch: SF 1 (1920) 5/6, S. 35: Die Bezeichnung „Saarstaat“ sei unangemessen, da es sich um kein eigenständiges Territorium handele. 144 Daß Identitäten ebenfalls nicht zwangsweise an geographische Räume gebunden sind, hat Rudolf VON Thadden (S. 496) am Beispiel der Rußlanddeutschen ausgeführt. Die Raumbezogenheit von Identität betont hingegen NEYMEYER, S. 112-121. 145 Die einzige Ausnahme dürfte die studentische Verbindung „Saravia“ in Berlin dargestellt haben. Außerhalb des akademischen Umfeldes schlossen sich die Berliner Saarländer dem 1894 gegründeten „Verein der Rheinländer zu Berlin“ an. 146 Vgl. SF 6 (1925) 6, S. 98; SF 6 (1925) 8, S. 129. 147 Vgl. Rundschreiben der GSV „Besucht das deutsche Saargebiet!“ (Mai 1928), in: LA Saarbrücken, Saar-Verein 19 sowie in: Vogel: Deutsch die Saar immerdar! (1929), S. 111 f. 98