lothringischen Landschaft. Sonst betrieb er eine Vogel-Strauß-Politik. Weitere Forscher, die in der annektierten Moselle tätig waren, Renibert Ramsauer, Otto Bertram, Albert Reker und Edmund Hausen, beteiligten sich an verbrecherischen Aktionen des Regimes, namentlich am Diebstahl aus Privatbesitz. Hans Wegener baute in Metz aus dem Literaturraubgut sogar Deutschlands größte Frankreich- Fachbücherei auf. Am anderen Ende des Spektrums scheinen Ernst Christmann und Fritz Braun auf. Beide arbeiteten auf oberster Gauebene eng mit den politischen Instanzen zusammen. Beide waren überzeugte und aktive Nationalsozialisten, mit so gut wie allen politischen Maßnahmen Bürckels im Gau im Allgemeinen und in der Moselle im Besonderen einverstanden und von der Notwendigkeit überzeugt, die Lothringer bis zur kulturellen Unkenntlichkeit zu assimilieren. Christmann stand, wie sein volkskundlicher Kollege Nikolaus Fox, in engem Kontakt mit den Forschungsinstitutionen Rosenbergs und Himmlers und war ein viel reisender und lauter Propagandist der neuen deutschen Volksordnung. Braun ging noch einen Schritt weiter. Seine Forschungsstelle half bei der sozialen und außenpolitischen Kriegsvorbereitung und lieferte in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Ausland-Institut Stuttgart den nationalsozialistischen Expansionsstäben Daten über die benutzbaren Deutschstämmigen im zu erobernden Ausland und in den Feindstaaten. Im Krieg stellte er sich in den Dienst der Volksdeutschen Mittel¬ stelle der SS und arbeitete in der verbrecherischen NS-Bevölkerungspolitik in Lothringen und in Polen mit. Nicht vergessen dürfen wir den Chef der gesamten Wissenschaftsplanung im Gau Westmark, Hermann Emrich. Er war ein williger Handlungsgehilfe seines Gau¬ leiters, dessen Arbeitsaufträge er durchführte. Dennoch hatte er einen gewissen Spielraum für Eigeninitiativen, da Bürckel den loyalen Rat von Fachleuten akzeptierte und ab 1941/42 seinen Gauwissenschaftlern immer mehr Freiheiten zugestand. Fast macht es den Eindruck, als sei Bürckel der Kulturpolitik müde geworden: Christmann und Emrich durften sich nach der um Pfalz und Loth¬ ringen wetteifernden Universität Heidelberg orientieren, Halber an seine früheren Kontakte zur WFG anknüpfen. Auf Grund des fast vollständigen Fehlens von Dokumenten über die konkreten Ansprüche der Gauleitung an die Wissenschafts¬ verwaltung ist der Grad der politischen Beeinflussung auf die Emrich unter¬ stellten wissenschaftlichen Arbeiten durch Bürckel und seine Führungsclique nicht eindeutig festzustellen. Aber wir können davon ausgehen, dass die Zahl direkter Eingriffe durch die Politik nicht sehr groß war und Emrich und die meisten ande¬ ren westmärkischen Wissenschaftler ihrem Gauleiter im Rahmen der gegebenen nationalsozialistischen Bedingungen vorausschauend zugearbeitet haben.8 x Cf. Raphael, „Radikales Ordnungsdenken“, 23-24. 433