sprach, bedeutete 1941 im deutsch besetzten Osteuropa Massenmord. In Stanglicas Planungsbereich wurden etwa 50 000 jüdische Menschen umgebracht,832 schon vor der, aber besonders durch die Aktion Reinhard833, in der Globocnik in den ihm un¬ terstellten Vernichtungslagern Belzec, Sobibör und Treblinka über 175 000 Juden ermorden ließ. Das seinen Opfern geraubte Eigentum verkaufte er den deutsch¬ stämmigen Bewohnern und den Neusiedlern in der Zamojszczyzna.834 Anfang 1942 erwähnte Stanglica in einem Brief an Braun die „Umsiedlung“ der Juden schon nicht mehr. Dafür deutete er die Vorgehensweise bei der Vertreibung der Polen an: „Ich bin in aktiver Volkspolitik, oft auch mit der Waffe in der Hand, tätig.“835 Ein deutscher Soldat im eroberten Feindesland trug bei Außenaktionen selbstverständlich immer die Waffe am Mann. Der Offizier Braun wusste dies. Wenn Stanglica diesen Gemeinplatz eigens ins Feld führte, dann weil er die Waffe für die aktive Volkstumspolitik gebrauchte. Braun belastete sich nicht damit, Stanglicas Fingerzeigen nachzugehen. Dass die aus seiner Auswandererforschung abgeleitete Selektion der Bevölkerung in der Zamojszczyzna für die Polen Vertreibung oder gar den Tod bedeutete, bereitete ihm keine Sorgen. Im Gegenteil: Es erfüllte Braun mit „Freude“, dass seine Forschungsarbeit auf diese Weise an politischer Bedeutung gewann und direkt der „Volkstumsaufgabe“ diente.836 1942 begann die so genannte Durchschleusung durch die Einwandererzentrale Litzmannstadt (EWZ) zur Selektierung der 7000-8000 deutschstämmigen Polen aus dem Kreis Zamosc.837 Betreut wurde die Aktion vom Planungsabteilungsleiter der EWZ SS-Untersturmführer Dr. Wilhelm Gradmann vom DA!.838 Gradmann beanspruchte gleichermaßen das Fachwissen 832 Madajczyk, Okkupationspolitik, 422. 833 Der Name der „Aktion Reinhardt“ bezog sich ursprünglich auf den StS im RFM Fritz Rein¬ hardt, wurde aber von den SS-Dienststellen auf Reinhard Heydrich umgedeutet; Thorsten Wagner, „Aktion Reinhardt“, Enzyklopädie des Nationalsozialismus, Hg. Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß, 2. Aufl. (München: dtv, 1998), 354-55. 834 Hermann Weiß, „Globocnik, Odilo“, Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Hg. id., 2. Aufl. (Frankfurt, M.: S. Fischer, 1998), 148-49; Esch, „Gesunde Verhältnisse“, 43, 45; Dieter Pohl, Von der „Judenpolitik“ zum Judenmord: Der Distrikt Lublin des General¬ gouvernements 1939-1944, Münchner Studien zur neueren und neuesten Geschichte, 3 (Bern: Lang, 1993), 183; Bruno Wasser, „Die ,Germanisierung‘ im Distrikt Lublin als Generalprobe und erste Realisierungsphase des ,Generalplans Ost“‘, Der „Generalplan Ost“: Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik, Hg. Mechtild Rössler, Sabine Schleiermacher, Mitarb. Cordula Tollmein, Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialge¬ schichte des 20. Jahrhunderts (Berlin: Akad. Verl., 1993), 271-93; Dirk Jachomowski, Die Umsiedlung der Bessarabien-, Bukowina- und Dobrudschadeutschen: Von der Volksgruppe in Rumänien zur „Siedlungsbrücke“ an der Reichsgrenze, Buchreihe der Südostdeutschen Histo¬ rischen Kommission, 32 (München: Oldenbourg, 1984), 194-97. 835 ADM, 1W234: Stanglica an Braun v. 15.1.1942. 836 ADM, 1W234: Braun an Stanglica v. 29.1.1942. 837 ADM, 2W63/4, Mappe „Germanisation“, f. 16: Gradmann [an das DAI o. D.], Abschrift v. 27.2.1942. 838 Karl Heinz Roth, „,Generalplan Ost‘ - Gesamtplan Ost‘: Forschungsstand, Quellenprobleme, neue Ergebnisse“, Der „Generalplan Ost“: Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- 421