Die DPS schien sich mit der Stabilisierung ihrer Stimmenanteile auf hohem Niveau sowie der annähernden Verfünffachung der Zahl der von ihr errungenen Gemeinde¬ ratsmandate als zweitstärkste politische Kraft im Saarland etabliert zu haben. Zu¬ mindest erlaubte diese Stärkung der Partei, auf Landesebene in direkte Konkurrenz zu den „großen“ Parteien CDU und SPD zu treten, verfügte man mit der relativen Mehrheit in der Hauptstadt Saarbrücken doch zusätzlich noch über ein symbolisch wie machtpolitisch bedeutsames Instrument.81 Andererseits hatten im Unterschied zu den früheren und den folgenden Kommunalwahlen im Jahr 1956 Freie Listen nur eine sehr geringe Bedeutung. Falls also wenigstens ein Teil der Zugewinne der DPS durch den Verlust von ca. 400 Gemeinderatsmandaten bei den Freien Listen zu erklären ist, so war davon auszugehen, daß die DPS in Zukunft erhebliche Zugewinne in der Wählerschaft der anderen Parteien benötigen würde, um ein Wiederauftreten der Freien Listen auszugleichen. Dies erschwerte eine politische Strategie nach dem Prinzip der „Partei zweiter Wahl“82 in hohem Maße. Obwohl die Heimatbundparteien nach außen hin vor der Landtagswahl 1955 keinen Zweifel an ihrem Wunsch gelassen hatten, eine gemeinsame Regierung zu bilden, barg die Zusammenstellung der Kabinetts liste im Dezember 1955 erhebliches Kon¬ fliktpotential.83 Schon der designierte Ministerpräsident Hubert Ney war innerhalb seiner Partei nicht unumstritten, und außerdem wurde aufgrund seines Lebensalters84 bereits bei seiner Wahl unverhohlen die Frage nach seiner Nachfolge diskutiert. Als einziger der möglichen Nachfolger schaffte Egon Reinert den Sprung in das erste Heimatbundkabinett, und dies sogar in das nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern auch wegen seiner Bedeutung für die politische Neuorientierung des Saarlandes besonders wichtige Doppelamt des Kultus- und Justizministers. Unter diesen perso¬ nalpolitischen Voraussetzungen gestaltete sich die Erarbeitung eines stringenten Regierungsstils problematisch. Unter vielfältigem außen- und innenpolitischem Druck sowie innerparteilichen Belastungen stehend, wählte Hubert Ney in seiner M Als direkte Folge dieses Wahlergebnisses wurde Fritz Schuster zum Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken gewählt, der die Politik der Stadt bis in die 70er Jahre hinein bestimmte. Vgl. Hans-Christian Herrmann, Landeshauptstadt, S. 356ff. 82 Jürgen Dittberner, FPD - Partei zweiter Wahl. Ein Beitrag zur Geschichte der liberalen Partei und ihrer Funktion im Parteiensystem der BRD, Opladen 1987. 83 Die Rivalitäten zwischen den Heimatbundparteien schlugen sich in sachlichen Auseinandersetzungen, aber auch in einer Reihe von persönlichen Animositäten nieder, Bauer, CDU, S. 68tT. Im Juni 1957 bezeichnete Emil Weiten (CVP) die Situation Hubert Neys als „mit einer Mauer aus Mißtrauen und Haß umgeben“, LTDS, 3. WP, Abt. !, 37. Sitzung v. 12.6.57, S. 1049. 84 Ney wurde am 12.10.1892 geboren - zur Biographie siehe: Robert H. Schmidt, Saarpolitik, Bd. 1, S. 283 - und war damit praktisch genauso alt wie die führenden Vertreter von CVP und SPS, Johannes Hoffinann und Richard Kirn. Demgegenüber waren die meisten der Politiker, die ab 1956 recht rasch die Spitzenfunktionen im Saarland einnahmen, deutlich jünger, nämlich um 1910 geboren, wie z.B. Franz Josef Röder, Egon Reinert, Heinrich Schneider, Kurt Conrad, aber auch Erwin Müller und Ludw ig Schnur. Wie das Beispiel Edgar Hector zeigt, konnten jedoch nicht alle Spitzenpolitiker aus der Hoffmann-Zeit ihre Karriere später fortsetzen, vielmehr zeigte der Abstimmungskampf auch Züge eines Verdrängungs- Wettbewerbs jüngerer Nachwuchskräfte gegenüber den in der unmittelbaren Nachkriegszeit (teilweise re-)aktivierten Führungskräften. 135