klärten Absolutismus typischen Toleranzpatente" gilt die sog. 'Religions-Assekuranz- Akte' von 1779, die zwar in erster Linie die lutherische Konfession als herrschende Landesreligion festschrieb, zugleich aber auch "die Rechte und Befugnisse jeden Religionsteils in den nassauischen Ländern" sicherte242. Man darf allerdings den Toleranzcharakter als Motiv der Assekuranzakte nicht überstrapazieren. Hinter diesem nassauischen Hausgesetz, das neben Fürst Ludwig noch von dem Weilburger und dem Usinger Fürsten unterzeichnet wurde, stand wohl als konkreter Anlaß die bevorstehende Heirat des Erbprinzen Heinrich mit der katholischen Prinzessin von Montbarey243. Dennoch bleibt unbestritten der aufklärerische Impetus der unterzeich¬ nenden Fürsten, wenn sie offen bekunden, daß sie mit allen christlich gesinnten Menschenfreunden den frohen Anblick jenes heitern Tages unserer aufgeklärten Zeiten (verherrlichen), an welchem finsterer Aberglaube und Verfolgungsgeist verbannet worden, friedliche Duldung des Nebenchristen an deren Stelle getreten und allgemeine Menschenliebe fast in allen christlichen Staaten Europas und be¬ sonders des Teutschen Reichs dergestalten sich verbreitet hat, daß jener menschen¬ feindliche Irrwahn, um des Willen sich in dem Blute seines Nebenbürgers zu wa¬ schen, weilen derselbe anderen Glaubensgrundsätzen Treue geschworen (hat), nirgends mehr Beifall findet. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, so weist dieses Dokument Fürst Ludwig fraglos als einen aufgeklärten Herrscher aus. Er war viel mehr von der ’Idee' der Aufklärung beseelt als sein Vater. Je mehr jedoch die Aufklärung und mit ihr die Rationalisierung Einzug in die Politik hielten, desto deutlicher wurde ein Dilemma, aus dem es letztlich keinen Ausweg gab: Der letzte Saarbrücker Fürst hielt wie die meisten seiner Zeitgenossen trotz aller Rationalisierungstendenzen ungebrochen am Gottesgnadentum als Legitimation seiner Herrschaft fest245. Fürst Ludwig, Freimaurer und Absolutist zugleich, verkör¬ pert die ganze Zerrissenheit des aufgeklärten Reformabsolutismus im letzten Drittel des 18.Jahrhunderts. Nichts dokumentiert die Ambivalenz seiner Politik so augenfäl¬ lig wie die Kanzlei- und Prozeßordnung, das Hauptwerk des aufgeklärten Reform¬ absolutismus in Nassau-Saarbrücken schlechthin: Sie brachte, wie wir gesehen haben, die 'Modernisierung' von Recht und Verwaltung und wurde zugleich mit der traditionellen Formel: Von Gottes Gnaden, Wir Ludwig, Graf zu Saarbrücken und Saarwerden eingeleitet246. Wie in einem Brennpunkt spiegelt sich hier die "Gleich- 043 Vgl. Bleymehl, Forschungen, S.86f.; vgl. auch die Nassauische Assekuranzakte v. 1779 in: HHSTA WI Bibi.3005/297. 343 Vgl. dazu vor allem Hertmann, Kleinstaat, S.296; bezeichnenderweise beginnt die Akte auch mit dieser Eventualität, vgl. die Nassauische Assekuranzakte v. 1779 in: HHSTA Wl Bibi.3005/297. 344 Zit. nach Bleymehl, Forschungen, S.87. 345 Vgl. Herrmann, Kleinstaat, S.289, eine rühmliche Ausnahme bildete lediglich Friedrich der Große, der seine Herrschaftslegitimation aus einem Gesellschafts- und Herrschaftsvertrag ableitete, vgl. etwa Birtsch, Idealtyp. 346 Vgl. Sittel, Sammlung, S.466. 245