durch das Bruderschafts- und Vereinswesen.3 Die erste große Maifeier an der Saar fand 1920 statt, an ihr nahmen bis zu 15.000 Arbeiter teil. Vor allem im Industriegürtel Saarbrücken, Völklingen und Neunkirchen wurde der Festtag von weiten Teilen der Arbeiterschaft begangen, während in den ländlichen und stärker katholisch geprägten Gebieten die Arbeiter in ihrer großen Mehrheit nicht aktiv am Umzug teilnahmen, sondern das Geschehen aus einer Zuschauerrolle verfolgten. In der Völkerbundszeit ging die französische Grubenbehörde mit dem Tag wesentlich liberaler um als die saarländischen Unternehmer. Während die Grubenverwaltung Feierschichten auf den 1. Mai legte, mußten insbesondere die Arbeiter der von Hermann Röchling geführten Völklinger Eisen- und Stahlwerke noch 1931 mit Entlassung rechnen, wenn sie an diesem Festtag der Arbeiterbewegung nicht zur Schicht erschienen, um an Maifeiern teilzunehmen.4 Dies erstaunt um so mehr, als der 1. Mai im Saargebiet nicht nur ein Tag der politischen Demonstration der Arbeitermacht war, sondern auch mit nationalen Bekenntnissen gegen den Versailler Vertrag und die Fremdregierung des Völker¬ bundes mit Treuebekundungen zu Deutschland verbunden war.5 Angesichts der politischen Rolle Hermann Röchlings ein erstaunlicher Befund, möglicherweise darauf zurückzuführen, daß für ihn in diesem Fall die unternehmerische Bilanz wichtiger war als die politische Agitation gegen die Völkerbundsregierung. Vor Inkrafttreten der Wirtschaftsunion wurde am 1. Juli 1947 von der Verwaltungs¬ kommission die Einführung des französischen Nationalfeiertages beschlossen. Seine Einführung sollte nicht den Eindruck einer kulturellen Anpassung an Frankreich erwecken, sondern die Besatzungsmacht als Befreier heraussteilen und grundsätzlich eine Identifikation mit demokratischen Traditionen betonen:"Durch den Sieg der Alliierten über den Nationalsozialismus hat jener Geist die Mächte der Gewalt und Unterdrückung überwunden, der am 14. Juli 1789 durch den Sturm auf die Bastille und die Erklärung der Menschenrechte die Menschheit von den Fesseln absolutistischer Gewaltherrschaft befreite".6 Diese Regelung scheint zunächst ein Versuch zu einer kulturellen und politischen Assimilation an französische Traditionen und Gesetze gewesen zu sein. Andererseits zeigt sich aber ein wesentlicher Unterschied, der schon eine Sonderrolle für die Saar andeutet, denn im Gegensatz zu Frankreich war der 14. Juli an der Saar ein bezahlter Feiertag.Von den Unternehmern wurde deshalb die Einführung des 14. Juli als bezahlter Feiertag zunächst nicht einhellig akzeptiert. Ludwig Linsmayer, Politische Kultur im Saargebiet 1920-1932. Symbolische Politik, verhinderte Demokratisierung, nationalisiertes Kulturleben in einer abgetrennten Region, St. Ingbert 1992, S.96-98. 4 Ders., S.98-112. 5 Ders., S.103. 6 Abl.1947, S.225. LA SB, VWK, Nr.212, Verordnung betreffend Erhebung des 14. Juli zum gesetzlichen Feiertag im Saarland. 175