Gerade für die frühen Jahre erklärt auch das Hochwasser des Jahres 1947, das ins¬ besondere Saarbrücken als Zentrum von Politik und Verwaltung erschütterte, den Mangel an Akten aus dieser Zeit. Der Nachlaß des Hohen Kommissars und Chefs der Mission Diplomatique Gilbert Grandval konnte nach vorangegangenen Gesprächen von Rainer Hudemann mit den Nachkommen von einer Arbeitsgruppe verfilmt werden, dies gilt auch für den Nachlaß des Technischen Direktors der Saargruben Jacques Dontot. Beide Nachlässe tragen zu einer differenzierten wissenschaftlichen Aufarbeitung bei. Sie ermöglichen es, manche in da- kollektiven Erinnerung anzutreffenden Verzerrungen aufzubrechen. Die restrik¬ tive Mentalität hinsichtlich der Nachlässe wirkt sich für die wissenschafüiche Beschäf¬ tigung mit der Hoffmann-Zeit eher kontraproduktiv aus und konserviert damit Verein¬ fachungen und Überzeichnungen in der kollektiven Erinnerung. Die Akten der CVP sind verschollen, die der SPS sollen bald nach der Fusion mit der SPD im Frühjahr 1956 vernichtet worden sein. Die Nachlässe von Richard Kirn im Landesarchiv in Saarbrücken und im Archiv für Soziale Demokratie in Bonn zeigen viele Lücken und enthalten vorrangig Drucksachen. Sie können die Verluste auch nicht ansatzweise ausgleichen. Katastrophal ist die Überlieferung der Gewerkschaften, zunächst hilft hier nur ein Blick in die Gewerkschaftspresse. Ein anderer Faktor für die Quellenarmut ist die Struktur des Saarlandes als kleinem überschaubarem Land, in dem fast jeder jeden kennt, mit einer hohen Bevölkerungs¬ dichte und als Land der "kurzen Wege".36 Es ist zu vermuten, daß auch in der Hoff¬ mann-Zeit vieles auf mündlichem Wege erledigt worden ist. Dabei ist auch die damalige Personalstruktur der Ministerien zu berücksichtigen. Auf der mittleren und erst recht auf der höheren Leitungsebene bestand so gut wie keine Personalkontinuität, d. h. es konnte nicht auf einen in Ministerialgeschäften versierten Beamtenapparat zurückgegriffen werden, sondern er mußte erst aufgebaut werden, was aber sowohl durch die Entnazifizierung als auch durch Zuzugsbeschränkungen gegen¬ über Nicht-Saarländern erschwert wurde. So unterblieb oft die nachträgliche Fixierung von Gesprächsabläufen oder Vorverhandlungen durch Aktenvermerk oder bestätigen¬ de Schreiben. Auch die Aktenführung erscheint oft wenig professionell, was die historische Rekonstruktion politischer Entscheidungsprozesse erschwert, weil häufig die Akten nicht die Bearbeitungsstufen von Entwurf über Konzept bis zur Ausferti¬ gung enthalten, Aktenpläne fehlen oder liegen nur unvollständig vor. Kurt Bohr, Ein besonderes Land. Politische Kultur im Saarland, in: Das Saarland. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung, hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung, Saarbrücken 1991, S.141 f. 23