althochdeutsche 'Tatian', zu verstehen.96 Sätze dieses Tatian' sind - wie eben gesagt - in die vielleicht mit Prüm in Verbindung zu bringenden, bereits genannten "Pariser Gespräche' eingegangen.97 Ein weiterer Tatian' ist wohl in einem frühneuzeitlichen Biblio¬ theksverzeichnis aus Langres registriert.98 Da eine solche Handschrift zu erwerben nur in der Zeit der noch bestehenden stärkeren Bindungen dieser civitas an den theodisken Osten sinnvoll war, darf man von einer gewissen Rezeption dieser Bilingue in Lotharingien ausge¬ hen. Im lotharingischen Raum beheimatet, aber doch vor der Konstituierung dieses Regnum ent¬ standen, ist eine andere Bibelübersetzung, die in zwei Handschriften (eine davon in bairi¬ scher Überformung im österreichischen Kloster Mondsee entstanden) überliefert und mit Predigttexten und einer Übersetzung des Isidor-Traktats 'De fide catholica' verschwistert ist.99 Die Handschriften datieren zwischen 800 und 810 (vgl. Tafel 38). Die von einem ein¬ zigen Autor stammenden Übersetzungen der sog. althochdeutschen Isidor-Gruppe sind von außerordentlicher sprachlicher Qualität. Sie gehen weit über die dienende Funktion der Schultexte hinaus. Wie Walter Haug formulierte: „Die Funktion der Vulgärsprache geht hier nicht mehr in praktisch-pädagogischer Vermittlung lateinischer Überlieferung auf, die deut¬ sche Sprache soll vielmehr zu einem dem Latein ebenbürtigen Medium für das Wort Gottes und zur Darstellung der theologisch-philosophischen Tradition werden".100 Der Isidor-Über¬ setzer bewährte zugleich seine Reflexionskraft auch in der Ausarbeitung eines durchdach¬ ten, einmaligen, so bis in die Neuzeit nicht wiederkehrenden, an der romanisch beeinflu߬ ten Orthographie der merowingisch-fränkischen Urkundensprache orientierten und konsequent angewandten orthographischen Systems.101 Man hat wohl zu Recht diesen küh¬ nen Vorstoß mit der von Einhard berichteten Initiative Karls des Großen zu einer gramma¬ tica patrii sermonis in Verbindung gebracht, war doch grammatica dem frühen Mittelalter vorwiegend Buchstabenlehre, Lehre von den Regeln der Verschriftung einer Sprache.102 Auch die teilweise erhaltene suscriptio der Isidor-Gruppe stellt die Übersetzungen in offizi¬ elle Zusammenhänge, indem sie um die Erlaubnis zur puplicatio bittet. Die Sprache ist 96 Vgl. zuletzt Haubrichs (wieAnm. 2), S. 259ff.; Achim Masser, Die lateinisch-althochdeutsche Tati- anbilingue des Cod. Sang. 56. Nachrichten der Akad. d. Wiss. in Cöttingen. Philol.-histor, Kl. Jg. 1991, Nr. 3; Ders. (Hg.), Die lateinisch-althochdeutsche Tatianbilingue Stiftsbibliothek St. Gallen Cod. 56. Göttingen 1994; Ders., "Tatian'. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Bd. 9, Lt'g. 2. 1994, Sp. 62Off. 97 Haubrichs/Pfister (wie Anm. 3), S. 7. 98 Eduard Sievers (Hg.), Tatian. Lateinisch und altdeutsch mit ausführlichem Glossar, 21892, Neudruck: Paderborn 1960, S. XVII. 99 Klaus Matzel, Ahd. Isidor. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Bd. 1. 1978, Sp. 296ff.; Haubrichs (wie Anm. 2), S. 307ff. 100 Walter Haug, Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. jhs. Eine Einführung. Darmstadt 1985. 101 Vgl. Klaus Matzel, Untersuchungen zur Verfasserschaft, Sprache und Herkunft der ahd. Übersetzun¬ gen der Isidor-Sippe. Rheinisches Archiv 75. Bonn 1970, bes. S. 148ff. 102 Klaus Matzel, Das Problem der 'karolingischen Hofsprache'. In: Mediaevalia Iitteraria: Festschrift für Helmut de Boor zum 80. Geburtstag. Hg. v. Ursula Hennig. München 1971, S. 15-31. Vgl. zur Ein¬ hard-Stelle auch Wolfgang Haubrichs, Veterum regum actus et bella. Zur sog. Heldenliedersamm¬ lung Karls des Großen. In: Aspekte der Germanistik. Festschrift Hans-Friedrich Rosenfeld. Göppingen 1989, S. 40ff. 222