Die Position des Elsaß im 10. und frühen 11. Jahrhundert Nach dem Tod Ludwigs des Kindes am 24. September 911 zeigte sich, wie offen die Situa¬ tion in den medioxima regni Francorum, in der Mitte des Frankenreiches war. Der westfrän¬ kische König Karl der Einfältige reagierte sofort und auf mehrfache Weise: Noch gegen Ende des Jahres 911 zog er nach Lotharingien, wo er am 1. Januar 912 in Metz und am 20. Januar in Toul urkundete.131 Wahrscheinlich ist er zu dieser Zeit von den Lothringern zu ihrem König erhoben worden, die nach dem Zeugnis der Annales Alamannici bereits König Lud¬ wig das Kind zu dessen Lebzeiten verlassen hatten.132 Die zweite Reaktion besteht darin, daß Karl begann, seinen Königstitel um den Zusatz Francorum zu erweitern.133 Offenbar wollte Karl damit demonstrieren, daß er in der Nachfolge Karls des Großen stand - anders als Konrad L, der in Forchheim am 10. November 911 zum König im ostfränkischen Reich erhoben worden war -, vielleicht auch, daß er in dieser Tradition Anspruch auf die Nach¬ folge im gesamten früheren Frankenreich erhob.134 Wichtiger für den hier interessierenden Zusammenhang ist, daß die nächste Itinerarstation Karls des Einfältigen nach Toul Rufach im Elsaß war.135 Hier beurkundete er am 12. Februar eine lothringische Angelegenheit. Der Anspruch auf das Elsaß als Teil des Zwischenreichs könnte nicht klarer zum Ausdruck gebracht werden. Aber dies war nicht die einzige Demonstration von Herrschaft über das Elsaß zu jener Zeit. Denn am 14. März, also nur einen Monat später, urkundete König Konrad I., von Velden an der Pegnitz hereilend, in Straßburg.136 Die Zusammenschau der beiden Herrscheritinerare läßt erkennen, wie sehr es damals beiden Seiten, der ost- wie westfränkischen, um das Elsaß ging. Konrad zog im Frühjahr 912 zweimal nach Lotharingien, einmal bis Aachen, um sei¬ nen Anspruch auf dieses Land durchzusetzen. Im Gegenzug zerstörten und brandschatzten die Lothringer Straßburg, die Hauptstadt des Elsaß, in der Konrad geweilt hatte.137 Vielleicht hatte sie Karl dem Einfältigen ihre Tore verschlossen, so daß er auf den Straßburger Außen¬ posten Rufach ausweichen mußte. Doch gelang es dem rex Francorum offensichtlich bald, in Straßburg Fuß zu fassen: Hier ließ er Münzen schlagen, und er vermochte nach dem 131 Recueil des actes de Charles III le Chauve, roi de France (893-923). Ed. Ph. Lauer. 1959 Nr. 69 S. 154 ff., Nr. 70 S. 159 ff. 132 Annales Alamannici a. 912, in: MCF1 SS 1 S. 55. Vgl. auch W. Lendi, Untersuchungen zur frühale¬ mannischen Annalistik. Die Murbacher Annalen (Scrinium Friburgense 1) 1971 S. 188. Dazu Schneidmüller, Regnum (wie Anm. 61) S. 104 f. zur komplizierten Quellenlage. 1 33 Nachweislich erstmals in der Urkunde vom 20. Dezember 911. Recueil (wie Anm. 1 31) Nr. 58 S. 1 52 ff. Vgl. dazu Schneidmüller, Regnum (wie Anm. 61) S. 105 und Ders., Karl (III.) 'der Einfältige', in: Lexikon des Mittelalters 5. 1991 Sp. 970 f. 134 So Schneidmfi I ler, Regnum (wie Anm. 61) S. 104. 135 Recueil (wie Anm. 131) Nr. 71 S. 159 ff. Die bei Büttner, Elsaß (wie Anm. 1) S. 147 angeführte Urkunde Karls vom 3. Februar 912 in Kestenholz bei Schlettstadt (vgl. auch Regesta imperii 1 Nr. 2075a) ist eine Fälschung. Vgl. Recueil S. 294. Auch die Annales Alamannici melden zu 912: Karolus in Alsatiam. Lendi, Untersuchungen (wie Anm. 132) S. 188. 136 MGH DKol 5. 137 Annales Alemannici a. 912: chonradus In hlodarios et facta fide ficta chuonratus in hlodarios iterum usque ad aquas et hlodariique in argentinam civitatem eaque vastata et combusta est. Lendi, Unter¬ suchungen (wie Anm. 132) S. 188. Regesta imperii 1 Nr. 2075a, 2077a. Regesta Alsatiae (wie Anm. 1) Nr. 77 ff. 65