1990 bis 1994, soll den Lokalpatriotismus nicht zu sehr ins Kraut schießen lassen und nicht Saarbrücken zu einem „lotharingischen Zentralort" hochstilisieren. Wir wissen, daß die dynastischen, politischen, kirchlichen und kulturellen Schwerpunkte Lotharingiens außer¬ halb der heutigen saarländischen Grenzen lagen, in Metz, Toul, Verdun und Thionville, im luxemburgischen Echternach, in Lüttich und Tongern, in Aachen, Köln und Trier. Immerhin durchquerte eine der wichtigsten West-Ost-Verbindungen aus dem Pariser Becken über Reims - Verdun - Metz zum Oberrhein und weiter ins Rhein-Main-Dreieck, nach Thüringen, nach Franken und nach Süddeutschland unser Land. Der auf dieser Trasse laufende Verkehr wurde von der königlichen Burg Saarbrücken aus, deren urkundliche Ersterwähnung im Jahre 999 die Landeshauptstadt in wenigen Jahren zum Anlaß einer Jahrtausendfeier machen wird, gesichert. Umfangreiches Königsgut lag innerhalb der heutigen Landes¬ grenzen. Architekturreste, vor allem der sogenannte „Alte Turm" in Mettlach, die Grab¬ kapelle des Klostergründers Luitwin, und einige Handschriften belegen, daß die beiden Benediktinerabteien Mettlach und Tholey teil an der lotharingischen Kulturblüte hatten. Mit der Geschichte einiger saarländischer Orte verbinden sich die Namen Adeliger aus den Familien der Matfriede und Odakare, die den Historikern teils als Parteigänger der lotharin¬ gischen Könige, teils als deren Widersacher und Opponenten bekannt sind. Das Kolloquium fügt sich in die hierzulande gepflegte grenzüberschreitende Zusammenar¬ beit gut ein. Die Universität des Saarlandes, im Jahre 1947 von Nancy aus gegründet, somit also in einer lothringischen Filiation stehend, hat vor einigen Jahren ihre Zusammenarbeit mit den Universitäten Metz und Nancy und dem Centre Universitaire in Luxembourg in einer Charta festgeschrieben. Ein gemeinsamer Studiengang der „Etudes transfrontalières" mit Diplomabschluß wurde eingerichtet. Seit Jahren finden sich Professoren und Studenten der historischen Seminare der Universitäten Metz und Saarbrücken zu gemeinsamen Lehrveranstaltungen zusammen. An der Universität des Saarlandes entstanden in den Fachrichtungen Geschichte, Geographie, Kunstgeschichte und Germanistik zahlreiche Habilitationen und Dissertationen, die die enge Verzahnung des Saarlandes mit den westlich angrenzenden Nachbarlandschaften darstellen, erläutern und begründen. Speziell mit der Geschichte des lotharingischen Zwischenreiches hat sich Herr Professor Dr. Walter Mohr, der als erster Geschichte des Mittelalters an der hiesigen Universität lehrte, in zahl¬ reichen Veröffentlichungen eingehend befaßt. Ich freue mich, daß er, unangesehen seines hohen Alters, heute unter uns weilt. Aus dem interdisziplinären Zusammenwirken von Historikern, Sprachwissenschaftlern und Archäologen entstand der Forschungsschwerpunkt „Grenzregionen und Interferenzräume". An einem der Lehrstühle für Geschichte der Neuzeit ist ein von der Deutschen Forschungs¬ gemeinschaft gefördertes Projekt zur Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxembur¬ gischen Grenzraum im 19. und 20. Jahrhundert angesiedelt. Beide Unternehmen haben schon Ergebnisse in mehreren Sammelbänden vorgelegt. Grenzüberschreitende Forschungen betreiben weiterhin die Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, der auch lothringische und luxemburgische Wissen¬ schaftler angehören, und das Institut für Landeskunde im Saarland, beide seit ihrer Grün¬ dung im Jahre 1952 bzw. 1959. Die mit der Erhaltung und Inventarisierung von Denk¬ mälern befaßten Behörden diesseits und jenseits der heutigen Staatsgrenze haben sich gerade im Bereich von Industriedenkmälern in einer fruchtbaren Zusammenarbeit gefunden. 12