entsprechenden Schulungskursen in München und Berlin wurden die Richter und ärztlichen "Fachkräfte" auf ihre Aufgabe vorbereitet, wobei der erste Kurs für das abgestellte Personal bereits im Oktober durchgefiihrt wurde; auch hauptamtliche Ärzte der Gesundheitsämter Dudweiler, Neunkirchen, Saarbrücken und Völklingen wurden hierzu von Dr. Obe abgeordnet. Gemäß dem "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom 14. Juli 1933 entschied das Gericht über die zwangsweise Sterilisation von Personen mit bestimmtem "Krankheitsbild" ("angeborenen Schwachsinn", Schizophrenie, Epilepsie, erbliche Blindheit oder Taubheit, erhebliche körperliche Mißbildungen oder schweren Alkoholismus), wobei davon ausgegangen wurde, daß die Nachkommen des "Erbkranken" an schweren körperlichen und geistigen Erbschäden leiden würden; anzeigepflichtig waren nicht nur Ärzte und Gesundheitsämter, sondern auch Heilpraktiker, Hebammen und Masseure. Die Ausführung eines chirurgischen Eingriffs zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde am 27. November 1935 dem Landeskrankenhaus in Homburg sowie der Heil- und Pflegeanstalt Merzig übertragen13. Weitere Schulungen für die "Praxis" folgten 1936, insbesondere zur "Einführung des Erbgesundheitsgesetzes". Demgemäß durchliefen Eheaufgebots¬ anzeigen anfänglich die sogenannte "Beratungsstelle für Erb- und Rassenpflege" und ab September 1936 die zuständigen Gesundheitsämter, die diese Aufgabe übernahmen. Die Beratungsstelle befaßte sich künftig nur noch mit der Klärung "zweifelhafter Erbgesundheitsfälle" bzw. mit der "Beratungstätigkeit"14. Beim Landgericht Saarbrücken wurde ferner durch Verfügung des Reichsjustiz¬ ministers vom 14. Dezember 1935 ein mit drei Berufsrichtem besetztes Sonderge¬ richt15 gebildet; seine Tätigkeit übte es bis zum Ende der Nazi-Zeit aus. Die Lei¬ tung übernahm zum Jahresbeginn 1936 der aus Saarbrücken stammende Landge¬ richtsdirektor und ehemalige Leiter der Rechtsabteilung der NSDAP - Saar, Karl Freudenberger16. Gerade diese nach NS-Jargon "Standgerichte der inneren Front" dienten den Machthabern zur Ausschaltung unliebsamer "Elemente", ohne Prü¬ fung des Haftbefehls, ohne richterliche Voruntersuchung, doch mit der ganzen Härte des Unrechtstaates. Die Anklage erfolgte durch den Oberstaatsanwalt in Saarbrücken als Leiter der Anklagebehörde beim Sondergericht. Der Jahresein¬ gang des Saarbrücker Sondergerichts für 1936 verzeichnet bereits 140 Fälle, im wesentlichen Vergehen gegen das Heimtückegesetz, wegen Feilhaltens von Uni¬ formteilen, Beleidigung der "Reichsregierung und des Führers", wegen Vergehens gegen das Gesetz zur Erhaltung des Friedens, Vergehens gegen §134a und b RStGB, Schädigung des Ansehens der NSDAP, Vergehens gern. §330a RStGB, Vergehens gegen die VO betr. das Verbot der Internationalen Bibelforscher-Ver¬ 13 SZ v. 4.12.1935: "Das Erbgesundheitsgericht in Saarbrücken". Vgl. Kl-M. Mallmann, G. Paul, Herrschaft und Alltag, S. 308. Siehe auch Chr. Braß, Zwangssterilisation im Saarland. 14 StadtA Saarbrücken, Best. Großstadt, Nr. 3999. 15 Vgl. E. Müller, Die Rechtsprechung, S, 161-183. AV des Reichsjustizministers v. 9. Dezember 1935 (Deutsche Justiz 1935, 2. Hj., S. 1.811). 16 Allgemeinverf. d. RMdJ 14.12.1935 betr. Änderung der Gerichtsgliederung im Saarland, in: Deutsche Justiz 1935,2. Hj., S. 1.850. 198