Am 12. Januar 1935, noch ein Tag vor der Abstimmung, druckte die Saarbrücker Zeitung den angeblichen Brief des bekannten rheinischen Separatisten, J. F. Matthes, worin er die Enttäuschung schilderte, die den Emigranten in Frankreich erwarte: "Wer die Emigration unter irgendwelchen Umständen einigermaßen ver¬ meiden kann, soll sie vermeiden. Die verantwortlichsten Führer, sie allein, müssen sich diesem Schicksal, außer Landes zu gehen, wohl auch an der Saar unterwerfen, das ist Führerschicksal, selbst erzählt, selbst gewagt. Sie dürfen nicht klagen, nie! Aber sie dürfen sich nicht einbilden, hier Politik machen zu können, Frankreich will keine 'Emigrantenpolitik', und besonders nicht die Bankrotteure und Hasar¬ deure der 'Weimarer Republik', die hier das Maul aufreißen wollten. Frankreich weist diesen 'Ratgebern', die sich drüben als rechten Rates wußten (sic), die kampflos abgingen, die Tür."24 Mit einer geschickten Saarpolitik, vertreten von einem Saarbevollmächtigten, der auch im Sinne der NS-Ideologie (Großraumdenken) über die momentanen Gege¬ benheiten hinauszublicken verstand25, war es Hitler gelungen, die Saar zurückzu¬ holen, so daß Bürckel am Jahrestag der Saarabstimmung im Leitartikel der "Saarbrücker Zeitung" das Ergebnis als "Das große Bekenntnis für den Führer" heraussteilen konnte: "Das aber bleibt für das Deutschland des Nationalsozialis¬ mus das Entscheidende: Nicht nur das Reich an sich siegte über Lüge und Verrat. Die Phalanx des Widerstandes richtete sich mit unerschöpflichen Geldern und mit nicht überbietbarer Propaganda gegen den nationalsozialistischen Staat. Man glaubte in der Erscheinung dieses Regimes noch einen letzten Anker zu finden, um den Kampf gegen das 'Hitlertum' siegreich zu beenden. Diese größte Offensive gegen das nationalsozialistische Deutschland ist sieglos geblieben."26 Neuere For¬ schungsarbeiten belegen27, daß die "unerschöpflichen Gelder" und die "nicht über¬ 24 S.Z. Nr. 11 v. 12.1.1935: "Interessanter Brief'. 25 Die NS-Propaganda machte an den Saargrenzen nicht halt. In diesem Sinne erhob z.B. der Commissaire spécial de Longwy in einem Brief am 28.9.1934 an den Directeur Général de la Sûreté Nationale Ein¬ spruch gegen die Verbreitung eines calendrier de propagande Nazi pour 1935 in seinem Gebiet (gemeint war der "Saarkalender, Abstimmungsjahr 1935", hrsgg. von M. Hofer, Direktor der S.Z.); les articles constituent une violente diatribe contre la France et sa politique étrangère. Arch. dép. de la M.- et-M., Cote 4 M 227, pièce 1. Siehe ebenda die Befürchtungen von actes de brutalité ou de sabotage gewisser nazistischer Elemente im Moment der Abstimmung (Sous-Préfet Briey et Spécial Longwy am 17.12.1934) so daß sogar von höchster Stelle zu erhöhter Aufmerksamkeit an den Grenzen aufgefordert wird (Sehr, des Min. de Pint, aux Préfets de la Moselle, du Bas-Rhin, du Haut-Rhin, de la Meurthe-et- Moselle et de la Meuse v. 13.12.1934 nach einer geheimen Information des franz. Außenmin.: ebd. pièce 8. 26 S.Z. Nr. 11 v. 12.1.1936: "Das große Bekenntnis für den Führer". OH L ' Von der Bereitschaft einer französischen Bank als Geldgeber aufzutreten, wenn Joh. Hoffmann zur Un¬ terstützung einer katholischen Opposition im Vorfeld der Abstimmung eine eigene Zeitung gründe, be¬ richtet das Sehr. Binders an den Bayerischen Min.Präs. als Generalbevollmächtigten für die Rhein- und Saarpfalz v. 17.2.1934, geht aber zu diesem Zeitpunkt davon aus, daß das Vorhaben insgesamt scheiter¬ te. LA Speyer, Best. H 38, Nr. 1.416 II, S. 424f Vgl. P. Lempert, "Das Saarland den Saarländern!", S. 517-522. 138