mäßigen Umfang waren Gelder frankophilen Gruppen zugeflossen, was das Er¬ scheinen neuer Zeitungen (Saarlouiser Journal, Chronik, General-Anzeiger, Neue Saar-Post oder die sozialistische "Deutsche Freiheit") ermöglichte, doch alle diese Unterstützungen der NS-Gegner erfolgten zu spät, um deutlich Wirkung zu hinter¬ lassen21. Allein schon das mit der Reichsregierung wenige Wochen vor der Ab¬ stimmung geschlossene Rahmenabkommen bezeugt das erlahmte wirtschaftliche Interesse an der Saarregion. Der Rat des Völkerbundes in Genf hielt sich in den Verhandlungen mit der Reichsregierung, der Regierungskommission oder mit einzelnen Delegationen strikt an den Wortlaut des Versailler Vertrages, der eine Abstimmung nach 15 Jahren vorsah; demgemäß fand das Projekt einer zweiten Abstimmung bei den Teilnehmerstaaten keine Unterstützung. Der Saarbevollmächtigte des Reichskanz¬ lers, Gauleiter Bürckel, äußerte noch am 5. Januar 1935 gegenüber einem Kor¬ respondenten von Reuter, "daß die diesbezügliche Propaganda der Separatisten¬ front unehrlich sei. Denn sie verschweige die Tatsache, daß, abgesehen von der vagen Möglichkeit einer - wer weiß wann - stattfindenden Volksabstimmung, ganz andere Lösungen vorbereitet werden könnten, welche die Gefahren für den Frieden vergrößern müßten"22. Solche drohenden Pressestimmen und Argumentationen wogen mehr als das Gerangel um zukünftige Eventualitäten, zumal da die Entfal¬ tungsmöglichkeiten der antifaschistischen Aufklärung stark eingeschränkt waren. An vorangegangener Stelle wurde bereits auf die wenigen und dazu noch auflage¬ schwachen Zeitungen der Gegner einer Rückgliederung hingewiesen. Die Zerstö¬ rung der freien Presse, die Einschränkungen der bürgerlichen Presse und die mas¬ sive Förderung der Parteizeitungen leiteten gegen Ende 1934 auch im Saargebiet die Einführung nationalsozialistischer Pressepolitik ein. Hinzu kam noch, und dies dürfte sehr stark zu Buche geschlagen haben, eine Beweisführung gegen eine mo¬ mentane Rückgliederung, die dort nicht überzeugen konnte, wo sie jahrelang aus nationalem Pathos das Gegenteil proklamiert hatte und nun mißverstanden wurde, wenn sie von Deutschland sprach, doch Hitler damit nicht meinte. Die Tatsachen, die die Saarbevölkerung über die Zustände im Reich direkt aus be¬ rufenem Munde hätte erfahren können, blieben weitgehend ungeglaubt, verloren den entsprechenden Nachdruck oder wurden durch Gegenstimmen als unwahr hingestellt. Die reichsdeutschen Emigranten als Zeitzeugen lebten an der Saar iso¬ liert in besonderen Lagern, vornehmlich in Gebäuden der Mines domaniales, was ihnen gleichzeitig den Stempel der Frankophilie verlieh. Aufgrund der sozialen Diskriminierung frequentierten sie besondere Lokale und besaßen somit wenig Kontakt mit der großen Masse der Bevölkerung23. Propagandistisch nutzte die fa¬ schistische Presse diese äußere Notlage dieser Menschen geschickt aus, um sie als "Gesindel" zu verunglimpfen bzw. ihre nationale Zuverlässigkeit in Frage zu stellen. 21 Vgl. P. Lempert, "Das Saarland den Saarländern!", S. 80-95 u. 517-522, Die frankophilen Organisa¬ tionen ebd, S. 123-409. 22 S.Z. Nr. 4 v. 5.1.1935. 23 Vgl. P. v.z. Mühlen, "Schlagt Hitler an der Saar!", S. 244-260. 137