F. Administrative Rezeption und Steuerungsstrategien hin¬ sichtlich der Wanderungsbewegungen im Saar-Lor-Lux- Raum während der Hochindustrialisierungsperiode Die umfangreichen Wanderungsbewegungen der Hochindustrialisierungsperiode gingen mit massiven Bevölkerungsumschichtungen einher. Dieser strukturelle Wandel betraf sowohl die geographische Verteilung der Bevölkerung in den Industrieregionen sowie in deren agrarischen Rekrutierungsgebieten als auch das Sozialgefüge der betroffenen Staaten. Die industrielle Revolution als Auslöser und Basisprozeß der in dieser Studie betrachteten Binnenwanderungsbewegungen bedingte neben vielfältigen technischen Innovationen eben auch eine Vielzahl von Umwälzungen im gesellschaftlichen Bereich. In der Nähe von Industrieansiedlungen entwickelten sich Ballungsräume in bis dahin ungekannten Ausmaßen. Ein die Industrialisierung begleitender Verstädterungs- und Urbanisierungsprozeß wurde in Gang gesetzt, welcher so weit ging, daß schon bald eine "Leutenot auf dem platten Lande" konstatiert werden mußte. Städtische Gesellschaften entstanden neu und bestehende Stadtwesen wurden darüberhinaus völlig umgekrempelt; sie wurden sozusagen "sozial überfremdet". Selbst bis dato blühende Agrarregionen ver¬ loren im Wirtschaftsgefüge der aufstrebenden Industriestaaten gegenüber den jungen Industriegebieten an Bedeutung oder zumindest an Attraktivität für die Bevölkerung. Eine maßgebliche Ursache hierfür waren die meist höheren Löhne in der Industrie als in der Landwirtschaft. Die hieraus resultierenden sozialen und politischen Konflikte, welche sich in der Auseinandersetzung von Bürgertum und Arbeiterschaft zuspitzten, sind in der Forschungsliteratur hinreichend beschrieben worden. Die Frage ist, welche Haltung die Verantwortlichen der kommunalen und staatlichen Verwaltungsorgane, also die adlig-bürgerliche Elite der betroffenen Länder, gegenüber dem Wanderungsgeschehen mit seinen weitreichenden Folgeerscheinungen einnahmen. In welchem Wahmehmungshorizont beobachteten diese die Migrationen? Welche Schritte unternahmen sie zur Kontrolle des Wanderungsstroms? Welche administrativen Steuerungsstrategien wurden erarbeitet und fanden Anwendung, um die Binnenwande¬ rungsbewegungen in ihrer Ansicht nach günstige Bahnen zu lenken? a) Die Wahrnehmung des Wanderungsgeschehens durch kommunale und staatliche Organe Im allgemeinen unterlagen die Wanderungsbewegungen bzw. die mobilen Bevölke¬ rungsteile der Hochindustrialisierungsperiode einer strengen und mißtrauischen admini¬ strativen Überwachung. Keiner der betroffenen Staaten wartete die Resultate der indu¬ striell angestoßenen Bevölkerungsentwicklung gelassen ab. In der Saar-Lor-Lux-Region, 252