Forschung im deutschsprachigen Raum.21 Das zentrale Interesse dieser Untersuchungen galt der natürlichen Bevölkerungsbewegung und dem generativen Verhalten, Wande¬ rungsbewegungen wurden nur am Rande behandelt. Dies trifft weitgehend auch auf demographische Untersuchungen zum 19.Jahrhundert zu, die sich gezielt mit den infolge der Industrialisierung auftretenden Wandlungen auseinandersetzen, welche sich zugleich allerdings - nicht zuletzt aus arbeitstechnischen Gründen - vornehmlich auf den dörflichen Bereich beschränken.22 Den demographischen Mikrostudien stehen bevölkerungswissenschaftliche Makroanalysen gegenüber, unter denen eher historisch-geographische und eher historisch-sozialwissen¬ schaftliche Arbeiten zu unterscheiden sind. Gemeinsam ist beiden Forschungsrichtungen die Suche nach bevölkerungswissenschaftlichen Entwicklungsmodellen. Wanderungsmotive und Wanderungsaufkommen interessierten in den 1970er Jahren eine Gruppe um Olaf Boustedt unter raum- und landesplanerischen Aspekten sowie den Geographen Karl-Heinz Schreiber, wobei festgestellt wurde: "Im Vergleich zu dem zahlreichen Datenmaterial über den Umfang der WanderungsVorgänge, die räumliche Wanderungsverflechtung und auch über die demographischen und soziographischen Merkmale der Wanderer ist die Erforschung der eigentlichen Motive für die Wanderungs¬ vorgänge, die Anlässe für einen Wohnortwechsel und alle sonstigen qualitativen Aspekte des Wanderungsproblems noch außerordentlich wenig erforscht."23 Hans Heinrich Blotevogel behandelte die "Wanderungszentralität als Teilproblem historischer Zentrali¬ tätsforschung" (...). "Regionale Wanderungen sind demnach zu einem wesentlichen Teil nicht ein wirres Netz sich kreuzender diffuser Bewegungen, sondern im allgemeinen auf städtische Zentren hin ausgerichtet und deshalb unter dem Begriff Land-Stadt-Wände- 21 Imhof, Arthur E.: Bevölkerungsgeschichte und Historische Demographie, in: Historische Sozial¬ wissenschaft, hg. von Reinhard Rürup, Göttingen 1977, S. 16-58; Imhof, Arthur E. (Hg.): Histori¬ sche Demographie als Sozialgeschichte. Gießen und Umgebung vom 17. zum 19.Jahrhundert, Darmstadt-Marburg 1975; François, Etienne: Koblenz im 18.Jahrhundert, Göttingen 1982; Burg, Peter: Demographie und Geschichte. Zur Auswertung von Katastern und Personenstandsregistern am Beispiel eines saarländischen Grenzdorfes, in: Rheinische Vierteljahresblätter42/1978, S.298- 383. 22 Hierzu zählt z.B. Hörger, Hermann: Mortalität, Krankheit und Lebenserwartung der Penzberger Bergarbeiterschaft im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert, in: Zeitschrift für Bayerische Landes¬ geschichte 43/1980, S.185-222. Vgl. allgemein Rödel, Bevölkerungsgeschichte, S.307L Am umfassendsten ist wahrscheinlich die Arbeit von Knödel, John E.: Demographie Behavior in the Fast. A Study of Fourteen German Village Populations in the Eighteenth and Nineteenth Centuries, Cambridge 1988. 23 Boustedt, Olaf: Zum Programm für den Aufbau einer laufenden Wanderungsstatistik für die Städte, in: ders. u.a., Beiträge zur räumlichen Bevölkerungsbewegung, Hannover 1970, S.l-28, hier: S.9; Schreiber, Karl-Heinz: Wanderungsursachen und idealtypische Verhaltensmuster mobiler Bevölkerungsgruppen, Diss. Frankfurt/M. 1974. 9