4. Die Hornbacher Heiligenviten 4.1. Die Vita I Pirminii Wenn ich für meine Vorstellung hagiographischer Quellen aus Hornbach den Einstieg über die im 9. Jahrhundert entstandene erste Lebensbeschreibung des Klostergründers wähle,1 so ist dies keineswegs so unproblematisch oder gar selbstverständlich, wie es zu¬ erst den Anschein haben könnte. Der Kenner der Materie ist vertraut mit der Forschungs¬ diskussion, die sich an Essentials wie der Präzisierung der Entstehungszeit und der Frage der historischen Glaubwürdigkeit ebenso entzündet hat wie an der „Gretchenfrage“, ob diese Vita denn wirklich in Hornbach entstanden ist. Jede seriöse Beschäftigung mit dem Text setzt die Kenntnis der Ausführungen Angenendts in seiner 1972 erschienenen Pirmin-Monographie „Monachi peregrini“ voraus, der der Quellenkritik zur Vita Prima nicht weniger als 30 Seiten Raum gewidmet hat. In meinen folgenden Überlegungen, die gewiß nicht die jüngst von Haubrichs geforderte „neue literaturhistorische Untersu¬ chung“ der Vita2 bieten wollen, soll der Versuch unternommen werden, den teilweise zu stark betonten Bedenken Angenendts gegen den historischen Aussagewert der Vita entge¬ genzutreten. Doch zuerst zu der Debatte um die Datierung, bei welcher der seit Holder-Egger scheinbar erzielte Konsens zugunsten eines Ansatzes im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts seit Ange- nendt zerbrochen ist.3 Grundlage für das vom Monumenten-Herausgeber verfochtene Datum 826 als terminus ante quem der Abfassung war eine Stelle bei Walafrid Strabo. Als dieser in jenem Jahr auf der Reichenau die „Visio Wettini“ verfaßte, sorgte er sich auch um den wißbegierigen Leser, der mehr über das Leben des Klostergründers, eben des hei¬ ligen Pirminius, erfahren wollte. Er verwies ihn nach Hornbach in der Pfalz, wo der Hei¬ ligewohl 753 seine letzte Ruhestätte gefunden hatte: Huius quisque velit sanctam cognos- cere vitamj Ipsa sepulchra petat: satis ipse probabit in Hornbach.4 Wird demgegenüber eingewandt, daß die „sancta vita“ nicht nur das geschriebene Zeugnis, sondern auch die reale Existenz des Heiligen meinen kann, die durch Wunder am Grab zu erkennen ist,5 so rennt dies nur offene Türen ein. Der Terminus kann aber weit eher die gute Informiertheit Walafrids über aktuelle Versuche in Hornbach widerspiegeln, das über die einzelnen Pir¬ minsgründungen verstreute Wissen um den Heiligen zu sammeln, ganz so, wie es der Ver¬ fasser der Vita selbst zum Ausdruck bringt. Dabei hat der Anonymus freilich allen Grund, sich über die mangelnde Kooperation der anderen Klöster zu beklagen, deren Mönche sich entweder nie um die eigene Klostergeschichte gekümmert hätten oder aber keine In¬ formationen preisgäben: 1 Ausgaben in AA SS Nov. 11,1, S. 33-47 (in Paralleldruck mit Vita II; ed. C. de Smedt) u. MGH SS XV,1, S. 21-31 (ed. O. Holder-Egger), präzise Inhaltsangabe bei Angenendt, Monachi peregrini, S. 24-26 2 Haubrichs, Buxbrunno, S. 2 3 Das Datum ±830 bei Doll, Gründung, S. 108 u. Jäschke, Moraw-Rezension, S. 386, jeweils mit Angaben zur älteren Literatur 4 MGH SS XV, 1, S. 17 5 Angenendt, Monachi peregrini, S. 29f. 96