5. Das Ende des Aufschwungs — veränderte Rahmenbedingungen Der VSE waren nach 1960 lange Jahre des wirtschaftlichen Aufschwunges beschieden, die ihren kommunalen und privaten Aktionären eine gute Dividende einbrachte (vgl. Tab, 66). Diese Aufschwungphase wurde durch die erste Energiekrise 1973/74 und ihre Folgen beendet. Bereits im Jahre 1974 war ein deutlicher Konjunktureinbruch zu spü¬ ren. Die Abgabe im eigenen Versorgungsgebiet konnte zwar noch um rund drei Pro¬ zent gesteigert werden, dies war aber bereits der niedrigste Wert nach dem Zweiten Weltkrieg102. Noch war die eisenschaffende Industrie an der Saar gut beschäftigt. Wenn man im Stromabsatz an die Tarifabnehmer die Auswirkungen der Übernahme der Versorgung von Püttlingen und Ensdorf eliminierte, sank der Zuwachs gegenüber 1973 in dieser Abnehmergruppe auf gerade noch 4,7%: Steigende Arbeitslosigkeit und wachsendes Energiebewußtsein in der Öffentlichkeit trugen mit zu dieser Entwick¬ lung bei. Die stärkste Rezession der Nachkriegszeit trat in der Region im Jahre 1975 ein. Erst¬ mals erfuhr die VSE einen Rückgang der Stromabgabe im eigenen Versorgungsge- biet103(vgl. Tab. 72 und 73). Entscheidender Auslöser war die schwere Krise, die für die eisenschaffende Industrie begann. Deren Belieferung mit elektrischer Energie hatte die VSE — wie aufgezeigt — weitgehend übernommen und kam dadurch in eine Ab¬ hängigkeit von den konjunkturellen und strukturellen Entwicklungstendenzen dieses Industriezweiges. Auch in anderen Branchen, etwa in der keramischen Industrie, machte sich der verstärkte Konkurrenzdruck durch den zweiten wichtigen Sekundär¬ energieträger, das Erdgas, seit diesem Zeitraum deutlich bemerkbar: Die Tendenz des Elektrizitätsverbrauches beim größten Hersteller der Region, den Keramischen Wer¬ ken Villeroy & Boch KG, ist abwärts gerichtet (vgl. Abb. 9). Im Jahr 1975 bedeutete der Tarifkunden-Stromverbrauch einen wichtigen Stabilitätsfaktor, reichte aber nicht aus, um den Minderverbrauch der Industrie auszugleichen. Die stabilisierende Wir¬ kung des privaten Konsums sollte über diesen Zeitraum hinaus bestehenbleiben; auch hier führte jedoch wachsendes Bewußtsein im Umgang mit Energie zu sparsamerem Stromverbrauch und niedrigeren Zuwachsraten. Notwendige Umweltschutzmaßnahmen bei Stein- und Braunkohlekraftwerken, zu geringeren Teilen erforderliche Sicherheitsvorkehrungen beim Betrieb von Kernkraft¬ werken, konnten nicht ohne Auswirkungen auf die Strompreise bleiben. Da die Strom¬ erzeugung des Hauptlieferanten, des RWE, in erster Linie auf den genannten Energie¬ quellen beruht(e), verlor das Saarland langsam seine führende Position der niedrigen Strompreise unter den Bundesländern. Die Aufgaben in und nach diesen Umbruchs¬ jahren der Energiewirtschaft lagen (und liegen) nicht mehr in der „Verwaltung“ von nahezu automatisch steigenden Zuwachsraten des Stromverbrauches, sondern in der schwierigen Bewältigung der vielfach von außen herangetragenen Einflüsse auf die Energiewirtschaft104. 102 VSE-AHV, Geschäftsbericht für 1974. 103 Ebd., Geschäftsbericht für 1975. 104 Keltsch, Die deutsche Elektrizitätswirtschaft (1979), S. 475f.; Bo eck (1979), S. 464ff. 320