Ein anschauliches Bild der Elektrizitätsversorgung eines mittelständischen Unterneh¬ mens bot die Entwicklung bei der Firma Adt, die in Ensheim und weiteren Orten der Pfalz und Lothringens Dosen- und Papierlackwaren sowie elektrotechnische Artikel herstellte121. 1891 stand das Unternehmen vor der Frage einer Vergrößerung der vor¬ handenen Beleuchtungsanlage, da der Gasometer technisch veraltet, oft defekt und von seiner Kapazität her unzureichend war. Ein erster Beschluß der Gesellschafterver¬ sammlung zur Anschaffung „einer kleinen electrischen Anlage von 50 Glühlampen und 2 Bogenlampen“ für 5000 bis 9000 Mark — je nach Anzahl der „Accumulatoren“ — wurde wieder verworfen, denn Eduard Adt schlug am 20.04.1891 den Kauf einer Mühle an der Blies vor und begründete dies „mit der in sicherer Aussicht stehenden vortheilhaften Kraftübertragung durch den electrischen Strom. Sobald dieses Factum allgemein bekannt werde, würden alle Wasserkräfte bedeutend im Werth steigen“. Der technisch interessierte Adt spielte hier auf die Vorbereitungs- und Erprobungsphase der bedeutenden Drehstromübertragung von Lauffen nach Frankfurt anläßlich der In¬ ternationalen Elektrizitätsausstellung desselben Jahres an. Seine Bemühungen um die Ausnutzung der Wasserkraft an der Blies erfolgten nicht aus Spekulationsgründen, sondern wurzelten in dem großen Vertrauen, das Adt als Unternehmer in den neuen Energieträger Elektrizität setzte. Sicherheitshalber erwarb die Firma zur größeren Kraftreserve drei nacheinander liegende Bliesmühlen für zusammen 62.000 Mark122, beauftragte einen Wasserbauingenieur mit dem Projekt und erkundete über den eige¬ nen Bedarf hinausgehende Absatzmöglichkeiten nach Forbach, Saargemünd, Blitters- dorf und selbst in das weiter entfernte Saarbrücken. Am 7.10.1892 gründeten die Gebrüder Adt die „Blies-Elektrizitätswerke Blies- Schweyen GmbH“. Ende 1894/Anfang 1895 erfolgte nach verschiedenen behördli¬ chen Auflagen die erste Stromlieferung mit 5 kV Spannung nach Ensheim und später nach Forbach123. Die Beschäftigung mit dem Kraftwerksprojekt ließ unternehmeri¬ schen Weitblick spüren: Zum einen fiel in diese Zeit bei Adt die Aufnahme der Produk¬ tion elektrotechnischer Artikel, zum anderen wurden nicht einfach die bestehenden Dampfmaschinen in der Ensheimer Fabrik gegen entsprechend große Elektromotoren ausgewechselt, die die Kraft über das herkömmliche Transmissionssystem übertragen sollten; Berechnungen hatten ergeben, daß bei Verwendung von elektrischem Einzel¬ antrieb durch mehrere kleine Motoren eine Einsparung von 15 bis 25 PS möglich war, weshalb das Unternehmen entsprechend projektierte. Ein Rentabilitätsberechnung 121 Göhler (1926); Hasslacher (1912),S. 167ff.; LA Sbr. Best. Landratsamt St. Ingbert Nr. 5852, div. 1894, LA Sbr. Best. Fa. Adt: Protokollbuch der Fa. Gebr. Adt, Gesellschafterver¬ sammlungen vom 03.04., 20.04., 12.10., 20.10. 1891, 07.10. 1892, 29.03.1893. Zu Adt allg. vgl. Wi 1 m i n (1979); ders.(1963),S. 227ff.; Adt (1978); Gebr. Adt AG,Ensheim, in: Han¬ del und Gewerbe (1924), S. 113L; zu den Anfängen der Familie vgl. Herrmann (1969). 122 Der Gemeinderat von Bliesschweyen erklärte sich mit dem Verkauf an die Gebr. Adt unter der Bedingung einverstanden, daß durch den Bau der Wasserkraftanlagen die Gefahr des jährlich auftretenden Hochwassers der Blies gebannt werde, vgl. AD Moselle 16 Z 159, Ge¬ meinderatsbeschluß vom 16.11.1891 und Eingabe mehrerer Bürger v. 04.12.1887 über das Hochwasserproblem; zum Bau des Kraftwerkes vgl. ebf. LA Sbr. Dep. Landratsamt St, Ing¬ bert, Nr. 5737. 123 AD Moselle 16 Z 159, endgültige Genehmigung des Bezirkspräsidenten von Metz v. 17.02.1893. 50