Hütte76. Auch in diesen Unternehmen folgten die Entwicklungsstufen der Anwen¬ dung elektrischer Energie wie im Bergbau aufeinander: Beleuchtung, Fernsprech- und Signalanlagen sowie Elektromotoren77; hinzu trat noch vor dem Ersten Weltkrieg die Wärmeanwendung von Elektrizität zur Erzeugung von Elektrostahl, um dessen An¬ fänge sich besonders die Röchlingwerke in Völklingen verdient machten. Als erster Stromerzeuger auf der Völklinger Hütte wurde 1887 eine 80 PS-Helios- Lichtmaschine installiert. Sie bestand aus einer liegenden Zwillingsdampfmaschine von 120 Umdrehungen pro Minute, auf deren Welle ein Gleichstromdynamo für 65 Volt Spannung saß. Von diesem Dynamo wurden 70 Bogenlampen für die Beleuchtung der eigentlichen Fabrikanlagen sowie einige Glühlampen zur Erhellung der Büros ge¬ speist. Verteilt wurde die elektrische Energie durch eine einzige Ringleitung, die auf Holzstützen montiert war und eine entsprechend geringe Sicherheit aufwies, so daß „die Hütte in mancher Nacht im Dunkeln lag“78. 1898 wurde diese Maschine ver¬ schrottet. Das 1891 neu errichtete Stahlwerk erhielt von Anfang an elektrische Be¬ leuchtung durch 40 Bogenlampen. Eine vergleichbare Gasbeleuchtung hätte ein vielfa¬ ches an Lampen erfordert. Der Strom wurde von zwei 20 PS-Gleichstromdynamos mit 110 Volt Spannung erzeugt, die durch stehende Drillings-Schnelläufer-Dampf- maschinen mit 600 Touren, Bauart Westinghouse, direkt angetrieben waren. Die bei¬ den Dampfmaschinen hatte das Unternehmen gebraucht gekauft; noch traute es offen¬ sichtlich der neuen Technologie nicht ganz und investierte deshalb möglichst wenig Kapital: Eine Fehlinvestition war dies tatsächlich, wie sich heraussteilen sollte, denn nach drei vierteljährlichen vergeblichen Versuchen, die Dampfmaschinen zuverlässig in Gang zu halten, wurden sie verschrottet. Versagt hatte allerdings nicht die neue Technik der Stromerzeugungsaggregate, sondern diejenige der lange erprobten Dampfmaschinen. Hierauf erfolgte der Antrieb der Dynamos mittels Riemen von einer Rollgangsmaschine der stillgelegten Straße 5 des Eisenwerkes. Ein Telefonnetz wurde ab der Jahrhundertwende auf der Völklinger Hütte eingerichtet und noch kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf ein vollautomatisches System umgerüstet. Auf der Burbacher Hütte erfolgte der Übergang zur elektrischen Beleuchtung wie in Völklingen ab dem Jahre 188779. Zunächst wurde die Hauptverladerampe künstlich erhellt, im folgenden Jahr kamen der obere Teil der Hütte mit 15 Bogenlampen sowie das Verwaltungsgebäude hinzu. Auch der damalige Generaldirektor des Unterneh¬ mens, Seebohm, wollte sich die Annehmlichkeiten des elektrischen Lichtes gegenüber 76 Vgl. allg. Binkle (1956), S. 26ff.; Cartellieri, Eisenindustrie (1929), S. 223ff.; Borck (1930); Kollmann (1911), Born (1919), Keuth (1963/64), Handel und Industrie im Saargebiet (1924); Hellwig (1943), S. 402ff.; Latz (1985); zur Zusammenarbeit der be¬ nachbarten Industriereviere vgl. auch Pohl (1979), S. 136ff. Zur Eigenerzeugung allgemein Urbahn/Reutlinger (1913). 77 Diese einzelnen Entwicklungsschritte konnten auch für andere Unternehmen herausge¬ arbeitet werden, vgl. Hatzfeld (1978), S. lff., vor allem S. 9ff.; keinen entscheidenden Wandel brachte dagegen beispielsweise die Einführung der elektrischen Energie zu Antriebs¬ zwecken in der Drahtzieherei, vgl. Stahlschmidt (1975), S. 139ff., 249, 447. 78 50 Jahre Röchling (1931), S. 300ff.; zur Industriestadt Völklingen vgl. Pauly (1975). 79 Burbacher Hütte bei Saarbrücken (1889),(1899); Die Burbacher Hütte 1856-1906. Denk¬ schrift zur Feier des 50jährigen Bestehens der Hütte am 22.6.1906, S. 23ff. (Ms., Saarstahl Völklingen- Werksarchiv); vgl. auch die in erster Linie mit der Entwicklung der Burbacher Hütte befaßte Arbeit von Müller, Hermann (1935), besonders S. 39f., 82ff. 39