von Benedikt erhobene Forderung nach vorhergehender Festigung des künftigen Anachoreten in regulärer Gemeinschaft erfüllt. Aber warum sollte Richard ohne bereits vorliegende geprägte Überlieferung auf das unter den Benediktinerklöstern seiner Zeit eher unbedeutende Tholey verfallen sein? Warum ließ er seinen Helden nicht in St. Vanne, St. Arnulf oder Remiremont beginnen? Ein Detail seines Be¬ richts wiederum zeigt uns, daß ihm eine verbürgte - sei es nun schriftliche oder mündliche - Tradition bereits vorlag. Während er bei der Wahl des Chraudingus zum Abt in Tholey geradezu programmatisch nach ,Regula Benedicti‘ c. 64 die Harmonie der electio fratrum und der confirmatio durch den Diözesanbischof be¬ schwört, ist bei der Einsetzung seines Neffen (!) Chroduin zum Nachfolger nur la¬ pidar von der suhrogatio kraft Autorität des Amtsinhabers die Rede. Dieser Zug trägt den Stempel der Echtheit. Chraudingus verläßt Tholey subrogato sibi in regimine suo nepote Chroduino, ...ammonuit, ut gregern sibi commissum benigne regeret, bonis exemplis informa- ret, paternam super eos sollicitudinem gereret, et remigiopiae gubernationis adpor- tum salutis perducere satageret. Für die Einsetzung eines Verwandten durch den alten Abt gibt es gerade in merowingischen Klöstern des 7. Jahrhunderts manche Beispiele4743. Für die Nachfolge in Beaulieu erwählt Chraudingus einen monachus ... Stephano nomine, plus ceteris religiosae deditus vitae, acregularis disciplinae in- signitus vigore. Hunc itaque cum consensu fratrum eis patrem praefecit... Wenn im letzten Falle die regularis disciplina des Erwählten hervorgehoben wird, so ist dies bestimmt eine Frucht des Abschnitts ,De ordinando abbate‘ (c. 64) der Benedikti¬ nerregel, in der diese Eigenschaft als die vornehmste eines Abtskandidaten genannt wird. Ansonsten aber sind die beiden Wahlen recht unbenediktinisch: In beiden Fällen handelt es sich um eine Désignation durch den alten Abt, nur in Beaulieu wird vom consensus fratrum gesprochen, eine eigentliche Wahl durch die Brüder oder eine Bestätigung durch den Diözesan, wie es die Regel Benedikts vorsieht, findet nicht statt. Das ist für das Reformmönchtum des 10. und 11. Jahrhunderts anachronistisch, nicht aber für das 7. Jahrhundert. Gerade die spätmerowingische Zeit, insbesondere das irofränkische Mönchtum kannte, in Fortführung orientali¬ scher und burgundischer Traditionen, die Abtswahl durch Désignation. Das um 650 anzusetzende Konzil von Chalon-sur-Saône befand sie für legitim und die in merowingischer Zeit mit der Benediktsregel konkurrierende,Regula Magistri1 hat sie geradezu als normative Form der Abtswahl angeordnet. Der alte Abt hat nach ihr den melior unter den nach Vervollkommnung ihrer monastischen Tugenden strebenden Mönchen zu erwählen, so wie Chraudingus es in Beaulieu nach seinem 474a Vgl. Angenendt, Monachi Peregrini 92 mit folgenden Hinweisen: Vita S. Wandregisili, c. 12, MG SS rer. Mer. V 19; Vita S. Geretrudis, c. 2, MG SS rer. Mer. II 456. 112