Beachten mußte sie einmal die Erwartungen Frankreichs nach gutnachbarlichen Bezie¬ hungen, auf die es trotz oder gerade wegen der empfindlichen Abstimmungsniederlage Wert legte. Eine harmonische kulturpolitische Begegnung zwischen dem Saarland und Frankreich war hierzu eine unentbehrliche Voraussetzung. Daß Paris in dieser Hinsicht Hoffnungen hegte, zeigte sich sehr deutlich am 11. Juli 1956, als der französische Bot¬ schafter in Saarbrücken, Eric de Carbonnei4, in Begleitung Woeifflins im saarländischen Kultusministerium vorsprach, um die künftigen Kulturbeziehungen zu orten. Nachdem Kultusminister Egon Reinert den Willen seiner Regierung erläutert hatte, die bisherige Vorzugsstellung des französischen Unterrichts abzubauen und ihn, ausgehend vom Grundsatz der Gegenseitigkeit, nur noch in dem Maße zu fördern, wie sich der deutsche Unterricht in den Ostprovinzen Frankreichs entwickele, und nachdem Reinert kundgetan hatte, daß seine Regierung allerhöchstens drei Gastprofessuren statt der von Frankreich gewünschten sechs ständigen Lehrstühle für französische Professoren mit Personal zuge¬ stehen könne, zeigte sich de Carbonnei sehr bekümmert und erklärte, diese Vorschläge könne er seiner Regierung überhaupt nicht weitergeben. Er sei zwar ... (der) Auffassung, daß ein Junctim zwischen den Saarverträgen und einem Kulturabkommen (...) nicht zur Rede stehe, daß aber eine allzu geringe Bereitschaft, mit Frankreich in kulturelle Bezie¬ hungen zu treten oder die bestehenden wenigstens in einem Mindestmaß zu erhalten, psy¬ chologische und politische Rückwirkungen auf die Saarverhandlungen und ihren Ver¬ tragsabschluß haben werden. Erst die von Reinert angebotenen großzügigen Übergangs¬ lösungen halfen dann der Besprechung über den toten Punkt hinweg und ließen den Bot¬ schafter erklären, daß er mit seiner Regierung diese noch besprechen und am kommenden Montag mit dem Herrn Ministerpräsidenten und mir (Reinert) weiter erörtern wolle 5 6. Der damit bekundete Wille zur kulturpolitischen Verständigung ließ zwar auf einen bal¬ digen Ausgleich hoffen, er war aber deswegen nicht einfach zu finden, weil die saarländi¬ sche Regierung die Aversionen und Widerstände kalkulieren mußte, die in der Hoffmann- zeit und vor allem im Abstimmungskampf gegen die französischen Kultureinflüsse ge¬ wachsen waren und die nunmehr mit Fingerspitzengefühl abgebaut werden mußten. Wei¬ tere Schwierigkeiten, die bildungspolitisch auf das Saarland zukamen, rührten direkt aus seiner zu erwartenden Rolle als kommendes Bundesland her. So mußte die saarländische Regierung bald zur Kenntnis nehmen, daß der Kulturaustausch mit Frankreich im Gegen¬ satz zu früher nicht mehr ganzheitlich, sondern nur noch partiell möglich war. Diese Er¬ fahrung sammelte zum Beispiel Kultusminister Reinert bei seinen Verhandlungen über ein neues Kulturabkommen am 28. 6. 1956 im Quai d’Orsay, als ihm der Staatssekretär Maurice Faure auf seine Forderung nach ausgeglichenen Kulturbeziehungen trocken sagte, daß die Frage der Reziprozität eine Angelegenheit der französisch-deutschen und nicht der französisch-saarländischen Verhandlungen bleiben müsseC Auch wenn man 4 Grandval hatte Ende Juni 1955, also drei Monate vor dem Referendum, das Saarland verlassen und war als französicher Generalresident nach Marokko gegangen. Sein Nachfolger wurde Eric de Carbonnei, der schon vorher einmal als Generalsekretär der Mission Diplomatique an der Saar tätig gewesen war. Siehe oben, S. 131. 5 Aktenvermerk über die Besprechung am 11. 7. 1956, angefertigt von Reinert am 14. 7.1956. LA Saarbrücken, Bestand KM - Mk 4803. 6 Zitiert nach der Niederschrift über die Verhandlungen der saarländischen Delegation im franzö¬ sischen Außenministerium am 28. 6. 1956, S. 11. LA Saarbrücken, Bestand Amt für auswärtige und europäische Angelegenheiten Nr. 383. 259