führte, umso größer wurde die Zahl derjenigen, die sich zum nationalen Bekenntnis pro¬ voziert fühlten. Bis zum Abstimmungskatnpf war allerdings eine offene kulturpolitische Opposition nicht möglich, sie vollzog sich, wie noch darzustellen sein wird, in verkappten Formen kritischer Äußerungen in bildungspolitischen Grundsatz- oder Interessenfragen. Bei diesem oft wie ein Katz- und Mausspiel anmutenden Geschehen konnten politische Pepressalien nicht ausbleiben. Auch darüber wird zu berichten sein. 2. Die Entfremdung wächst Gut zwei Monate vor der Abstimmungsentscheidung des 23. Oktober 1955 berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung unter Hinweis auf eine politische Maßregelung eines CDU-orientierten Schulrektors über erhebliche Spannungen zwischen der Saarregierung und einem großen Teil der Lehrerschaft. Es sei, so das Blatt, schwer begreiflich, warum die Saarregierung gerade jetzt die ... Lehrerschaft herausgefordert habe, da sie doch wissen müsse, daß die Lehrer an der Saar unbestreitbar einer (sic) jener Stände bilde, auf deren Stimmung die Regierung besondere Rücksicht zu nehmen hat, weil sie in den zahl¬ reichen kleinen Gemeinden als Bildungsträger das Urteil vieler Mitbürger bestimmen7. Die gespannte Atmosphäre, die die Frankfurter Allgemeine Zeitung der saarländischen Schulwelt für das Jahr 1955 zuschreibt, war, wie erinnerlich, in Wirklichkeit schon in den Tagen der „Ära Straus“ geboren worden. Wenn sie sich, und hier mag der Hauptgrund für die von der Zeitung übersehene längerfristige Verursachung des getrübten Verhält¬ nisses liegen, in den Jahren nach Straus durch die Beschwichtigungsstrategie Hoffmanns auch oberflächlich normalisierte, so war die dadurch erwirkte Ruhe doch mehr als trüge¬ risch. Immer belastender wurde vor allem der Vertrauensschwund spürbar, den das Hoff- mann-Regime bis zum Jahre 1955 in ihrem Verhältnis zur Lehrerschaft hinnehmen mußte. Das war für sie eine schmerzliche Erfahrung, weil die Lehrerschaft damals tatsäch¬ lich einen relativ starken politischen Einfluß auf die Bevölkerung, insbesondere in den ländlichen Gebieten des stark katholischen Nordens ausübte. Zur wachsenden Entfrem¬ dung zwischen Erzieher und Regierung haben viele Gründe beigetragen. Auf die bewe¬ gendsten soll im Folgenden näher eingegangen werden. 2.1 Der Wille der Lehrerschaft zur Verbundenheit mit Deutschland wird stärker Eine der wichtigsten Ursachen für die Unruhe der Lehrer muß man in ihrem stetig zuneh¬ menden Drang sehen, die Beziehungen zum pädagogischen und schulpolitischen Leben in Deutschland planvoll pflegen und entfalten zu wollen, damit das Zusammengehörigkeits¬ bewußtsein ständig wachgehalten wird8. Schon ein flüchtiger Blick in die Mitteilungsor- gange ihrer Verbände9 zeigt an, wie lebendig der Wille zum Kontakt mit dem erzieheri¬ schen Leben in Deutschland und wie stark das Gefühl der Verbundenheit mit der deut¬ 7 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. 7. 1955, S. 2. 8 Zitiert nach einer Stellungnahme des Vorstandes des Verbandes katholischer Erzieher aus dem Jahre 1956 zum Kurs des Vereins in den Jahren vor 1955. Der katholische Erzieher, Nr. 11/12, 1956, S. 341. 9 Vgl. hierzu insbesondere: Der katholische Erzieher, dem monatlich erscheinenden Organ des Verbandes katholischer Erzieher des Saarlandes, Saarbrücken 1949 ff. und das ebenfalls monat¬ lich aufgelegte Mitteilungsblatt des liberal orientierten Verbandes Saarländischer Lehrer, Saar¬ brücken 1952 ff. 234