2. Das Ende der französischen Handlungsfreiheit wurde durch mannigfache Wandlungs¬ prozesse herbeigeführt. Da war zuerst der immer selbstbewußter auftretende saarlän¬ dische Autonomismus als Partner, der sich auf keinen Fall protektionistisch von Frankreich bevormunden lassen wollte. Auf den Plan getreten war inzwischen auch eine saarinterne Opposition. Sie verneinte jede Form separaten Daseins ihrer Heimat und pochte z. B. im Kulturpolitischen entschieden für eine Unversehrtheit des natio¬ nalen Deutschtums. Gestärkt wurde ihre Position durch die Provokation einer ge¬ wollten kirchlichen Separation, die aber erfolgreich abgewehrt werden konnte. 3. Dieser wachsende Widerstand an der Saar gewann, und damit wird ein weiterer Grund für das Aufkeimen der Saarfrage genannt, in dem Maße an Kraft, wie die Bundesrepu¬ blik Deutschland an politischer Stabilität und wirtschaftlicher Prosperität gewann. Gleichzeitig erhielt die Saar eine politische Anwaltschaft, die vom Standpunkt natio¬ naler Solidarität und im Namen des nationalen Selbstbestimmungsrechts die politi¬ schen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen der Saarländer zu vertreten suchte. Diese Haltung erhielt einerseits durch die schmerzhaft empfundene deutsche Teilung einen zusätzlichen Impuls, weil die Saarfrage sozusagen zum Testfall für den Anspruch der Bundesrepublik auf eine gesamtdeutsche Legitimation wurde, sie erfuhr aber an¬ dererseits durch den Beginn der westeuropäischen Integration auch ihre Grenzen, weil die angesichts der sowjetischen Bedrohung als notwendig erkannte Zusammenarbeit eine Konfliktslösung nur im Rahmen von Kompromissen zuließ. 4. Eine wesentliche Voraussetzung für den friedlichen Ausgang des Saarstreits war das erkennbar werdende Schicksal Deutschlands als geteilte Nation, da der ausschlagge¬ bende Grund für die französische Saarpolitik, nämlich die deutsche Vormacht verhin¬ dern zu wollen, nicht mehr gegeben war. 5. Parallel zum nachlassenden französischen Interesse an der Saar, ein Prozeß, der durch das persönliche Engagement Grandvals sicherlich verlangsamt und vielleicht dadurch in seinen Wirkungen bis 1955 verdeckt geblieben ist, stand die wachsende Anteil¬ nahme Deutschlands an der Saar, die wiederum bei den Saarländern deswegen ihr Echo fand, weil die dynamisch sich erholende Bundesrepublik schnell an Anziehungs¬ kraft gewann und gegenüber dem krisengeschüttelten Frankreich der Vierten Repu¬ blik einen Wechsel im Kräfteverhältnis schaffte. Daß die Saarfrage schon im Jahre 1950 für die französische Außenpolitik mehr eine Angelegenheit der Pflicht als der Lei¬ denschaft war, darauf deutet eine Äußerung des Europäers Schuman gegenüber dem Europäer Adenauer im Zeitraum erster deutsch-französischer Gespräche über die Saar hin. Danach habe er die Saarpolitik nicht begonnen, sondern er habe sie über¬ nommen4. 6. Seine Chancen in den bald einsetzenden Auseinandersetzungen um die Saar suchte auch der saarländische Autonomismus. Er verlor aber zusehends an Ansehen und Profil, weil er sich mit seinem Postulat von einer regionalen Selbstverwirklichung und 4 Zitiert nach Ausführungen Adenauers vor dem CDU-Bundesvorstand. Stenographisches Proto¬ koll über die 3. Vorstandssitzung des CDU-Bundesparteivorstandes am 10. 5. 1951 zu Bonn, S. 24. Archiv des Konrad-Adenauer-Hauses, Bonn. In seinen Memoiren zitiert Adenauer eine ähn¬ liche Aussage Schumans. Sie steht im Zusammenhang mit der Erörterung von komplizierten Rechtsfragen um die Saar und lautet in der erzählenden Wiedergabe von Adenauer: „Er habe sie (die Saarfrage) nicht geschaffen, sondern bei seinem Antritt als Außenminister im Jahre 1948 so vorgefunden“. K. Adenauer, Bd. 1, S. 300. 231