-praxis nach 1945. In ihm spiegelt sich, so merkwürdig das auch klingen mag, eine wesent¬ lich stärkere profranzösische Ausrichtung des gesamten Bildungswesens wider als in jenen bildungspolitischen Maßnahmen und Entwicklungen der „Ära Straus“, die üblich¬ erweise in der Literatur mit der Parole von der „pénétration culturelle“ attackiert worden sind. Die eifrige Protektion des französischen Sprachunterrichts, die für saarländische Kinder beschränkt geöffneten französischen Schulen, der französische Einfluß auf das akademische Bildungswesen, die verschiedenen und zahlreichen Austauschaktionen im Bereich der Kunst, der Wissenschaft und Bildung sowie des Sports, also Entwicklungen und Vorgänge, die bereits mehrmals, vor allem aber im Zusammenhang mit dem Kultur¬ abkommen angesprochen worden sind228, mögen zwar mehr oder weniger deutliche An¬ haltspunkte für eine frankophile Grundhaltung von Straus liefern, gleichwohl wird man das Eigentliche seiner frankreichfreundlichen Gesinnung nicht hier, sondern in der Inter¬ dependenz zwischen einer anspruchsvollen Bildungspolitik und einer dauerhaften staatli¬ chen Existenz des Saarlandes suchen müssen. Straus wollte sozusagen mit fanatischem Eifer, ähnlich wie ein Fürst im Spätabsolutismus, durch einen hohen schulischen Lei¬ stungsstandard wachsende Staatlichkeit erreichen. Auch darauf wurde schon, insbeson¬ dere im Zusammenhang mit der Universitätsgründung229, dem Zentralabitur230 231 und dem Kulturabkommen aufmerksam gemacht. Das Profranzösische in diesem Streben wird er¬ kennbar, wenn an dieser Stelle nochmals kurz auf die saarpolitischen Absichten Frank¬ reichs bis zum Jahre 1950 eingegangen wird. Grandval hat im Rahmen eines Interviews, das er im Jahre 1980 der Saarbrücker Zeitung gab, ausdrücklich bestätigt, daß Frankreich, bevor man für die Saar eine europäische Lö¬ sung gesucht habe, während einer gewissen Zeit daran gedacht habe, aus der Saar ein zweites Luxemburg zu machen231. Dieses Ziel eines Pufferstaates, das bis zum Aufkeimen der europäischen Zusammenarbeit von französischer Seite nach dem Verzicht auf eine po¬ litische Annexion im Sommer 1946 im Sinne der oben analysierten nationalstaatlich orientierten Sicherheitspolitik verfolgt worden ist232 und auch noch danach die Lösungs¬ versuche der Saarfrage unter europäischem Aspekt erschwert hat, fand auf saarländischer Seite in Straus einen entschiedenen Befürworter233. Straus hat dem Verfasser gegenüber mehrmals betont, daß für ihn stets das Land Luxemburg Vorbild für die politische Zu¬ kunft des Saarlandes gewesen sei234. Damit vertrat Straus einen graduell stärkeren Sepa¬ rationswillen als zum Beispiel Hoffmann. Während Hoffmann die Zusammenarbeit mit 228 Siehe oben, S. 164 ff. 229 Siehe oben, S. 121. 230 Siehe oben, S. 174 f. 231 Abgedruckt in der Saarbrücker Zeitung vom 21. 10. 1980. Beilage: „Vor 25 Jahren: Saarländer zwischen Nein und Ja“, S. 6. 232 Vgl. hierzu die Ausführungen auf S. 43 f. und 61 ff. 233 Im Jahre 1970 hat Straus in einer Kurzbiographie, die er dem Landesarchiv in Saarbrücken über¬ ließ, seine persönliche politische Konzeption wie folgt erläutert: Das Saarland sollte wirtschaft¬ lich mit Frankreich verbunden, politisch aber autonom sein, an seiner deutschen kulturellen FJ- genart festhalten, als Grenzland jedoch die Sprache und Kultur des westlichen Nachbarn kennen und schätzen lernen. LA Saarbrücken, Kurzbiographie Emil Straus, gebilligt und in wesentlichen Punkten ergänzt von Minister a. D. Dr. Emil Straus anläßlich seines Besuchs im Landesarchiv am 21. 10. 1970. 234 So seine Formulierung im Interview am 23. 10. 1975. Sinngemäß wiederholte er diese Aussage in den Gesprächen am 4. 10. 1976, 23. 11. 1976 und am 1. 5. 1978. Siehe auch oben, S. 77. 180