erörtern zu können. Anschließend wird die bildungspolitische Entwicklung in der Amts¬ zeit des Kultusministers Straus untersucht. Aber schon jetzt ist klar erkennbar, daß die saarländische Bildungspolitik nach 1945 im Grunde einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt. Verursacht wurde er durch eine eigen¬ tümliche Spannung, die im Konflikt zwischen französischer Separationsforderung und saarländischem Selbstbehauptungs- und Selbstbestimmungswillen ihre Nahrung fand und im Bildungsbereich das Bekenntnis zu den organisch gewachsenen deutschen Kultur¬ traditionen einschloß. Dieser kaum zu überbrückende Orientierungsgegensatz wird wie ein roter Faden das schulpolitische Wollen und Wirken an der Saar bis 1955 durchziehen. Dabei wird sich bald zeigen, daß die saarländische Politik im Laufe der Jahre und insbe¬ sondere in Bildungsangelegenheiten ein respektables Eigengewicht gewinnen konnte, das sie dann aber, als die Auseinandersetzungen um die Saar zwischen Frankreich und der er¬ starkenden Bundesrepublik Deutschland offen ausbrachen, wieder einbüßte, weil der deutsche Anspruch auf Wiederherstellung der nationalstaatlichen Hoheit sich als stärker und glaubwürdiger erwies als der saarländische Autonomismus mit seinem partikularisti- schen Selbstgefühl und seinem wirklichkeitsfremd anmutenden Postulat, um der europäi¬ schen Idee willen für einen Ausgleich zwischen Frankreich und einem inzwischen geteilten Deutschland sorgen zu wollen. Im Zuge werdender saarländischer Eigenstaatlichkeit bildete sich die französische Mili¬ tärregierung zum Hohen Kommissariat um. Zum Leiter des Secrétariats Général und damit zugleich zum Stellvertreter Grandvals wurde Eric de Carbonnei berufen. Das Amt eines Directeurs du Cabinet ( = politische Abteilung) übernahm der Elsässer Paul Schwab. Henri Gauthier wurde zum Chef du Cabinet Politique und Bernhard Lefranc zum Chef de Cabinet bestellt. Die Leitung der Mission Juridique übertrug man Pierre Laurent, der Mission Financière stand Jean Dejardin vor. Die Mission Économique, die nun zur domi¬ nierenden Abteilung im Hohen Kommissariat aufstieg, erhielt Jean Robert zum Direktor. 'Directeur des Services de Contrôle wurde Michel Hacg und die Position eines Chefs du Service de l’Information erhielt Jacques Dupuy zugewiesen. Die Kulturabteilung, die bis zum Jahre 1948 von Jean Babin geleitet wurde, verlor ihren bisherigen Charakter als ei¬ genständige Sektion innerhalb des Ressorts Affaires Administratives. Sie wurde als Unter¬ abteilung dem Secrétariat Général unterstellt. Damit zeigt sich auch im Organisatorischen der Wille Frankreichs zur Selbstbeschränkung im Kulturpolitischen. Zum Nachfolger Ba- bins wurde im Sommer 1948 Pierre Woelfflin bestellt. Woelfflin, ein sehr umgänglicher Mann, war ein germanistisch gebildeter Elsässer, der den Titel eines Agrégé d’Université erworben und vorübergehend als Direktor der Maréchal-Ney-Schule in Saarbrücken fun¬ giert hatte, bevor er auf dem Haiberg (Sitz des Hohen Kommissariats) tätig wurde. Die hier erwähnte Verwaltungsstruktur der französischen Behörden blieb bis zum Jahre 1955 nahezu unverändert360. 360 Nach Aufzeichnungen im Bestand Z Europe 1944 — 1949 juin. Sous - Direktion de la Sarre au Quai d’Orsay, Nr. 3 (Ministère des Affaires Étrangères, Archives et Documentation). Stand Juni 1948. Im Jahre 1949 hatte das Hohe Kommissariat insgesamt 1 014 Mitarbeiter, davon 284 saarländische. 131