Nancy, Pierre Donzelot84, vor möglichen Repressalien der deutschen Besatzungsbe¬ hörden abgeschirmt. Diese guten Dienste wurden ihm nun honoriert, indem Grandval aufgrund einer Empfehlung Donzelots, mit dem er seit gemeinsamen Tagen des Wider¬ stands eng befreundet war, für Burghardts Berufung als Oberschulrat intervenierte85. Im Sommer 1946 war die staatliche Schulverwaltung und -aufsicht im Saarland soweit wieder mit geeigneten Beamten besetzt, daß man sie als funktionstüchtig bezeichnen konnte. Sie hatte, hierarchisch gesehen, in der Zwischenzeit sogar eine gewisse Aufwer¬ tung erfahren; denn seitdem die gesamte Verwaltungsadministration an der Saar der Wei¬ sungsbefugnis deutscher Oberbehörden entzogen war86, hatte man alle Verwaltungsab¬ teilungen, auch die für die öffentliche Bildung zuständigen, aus ihrem bisherigen Dasein als weisungsgebundene Mittelinstanzen entlassen. Kompensiert wurde diese gewonnene Unabhängigkeit vorerst noch durch eine energische Militärregierung, die, noch unter dem frischen Eindruck des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland stehend, optimi¬ stisch ihre politischen Ziele an der Saar verfolgte und schon aus diesem Grunde vorläufig an ihrem prinzipiellen Weisungs- und Aufsichtsrecht keinen Zweifel aufkommen ließ87. Das traf natürlich auch für die öffentliche Bildung zu88, die in ihren Bereichen durch die hierfür zuständigen Dienststellen der Militärregierung und durch die Inspektionsoffiziere kontrolliert wurde. Ohne dem „vue et approuve“ oder dem „d’accord“ als Plazet durfte die zentrale Schulbehörde in Saarbrücken selbst Rundschreiben mit politisch unrele¬ vanten Inhalten den Schulen nicht zuleiten. Diese fast erdrückende Abhängigkeit89, die in ihrer Auswirkung durch die Unerfahrenheit eines Großteils der neuen Schulverwaltungs¬ und -aufsichtsbeamten noch gesteigert wurde, war sicherlich eine mehr als schwierige Ausgangssituation, um den materiellen und geistigen Neuaufbau eines im Chaos har¬ renden Bildungswesens in Angriff zu nehmen. Gleichwohl war mit den neuen Schulbe¬ hörden eine erste einheimische schulische Gestaltungskraft geschaffen worden, die als Vollzugsorgan einer noch sehr machtbewußten Militärregierung mitwirken durfte. Diese an sich ungleiche Partnerschaft hatte ihre erste Bewährungsprobe schon im Herbst 1945 zu bestehen, als die Schulen an der Saar wie fast überall in Deutschland ihre Unterrichts¬ arbeit wieder aufnahmen bzw. aufnehmen sollten. 5. Die Wiederaufnahme des Unterrichtsbetriebs Es ist oben bereits dargelegt worden, daß das Saarland im Zweiten Weltkrieg vergleichs¬ weise stark zerstört wurde90. „Der Wohnraum ist zu 60 % zerstört, öffentliche Gebäude zu 40 %, Brücken zu 55 %. Nur 30 % des Straßennetzes haben noch verkehrsbrauchbare 84 Donzelot war in Nancy Professor für Pharmazie und übernahm nach seinem Rektorat in Nancy den Posten eines Generaldirektors für das Hochschulwesen im Pariser Kultusministerium. 85 Interview E. Straus vom 23. 10. 1975. 86 Siehe oben, S. 75 f. 87 Vgl. hierzu im einzelnen R. Winkeier, S. 14 ff. 88 Vgl. hierzu E. Konstanzer. 89 Somit darf keine Verordnung, kein Erlaß, keine Rundverfügung oder Anweisung, keine Ernen¬ nung getroffen oder veröffentlicht werden ohne vorausgegangenes Visum meiner Verbindungs¬ abteilung. Sinngemäß galt diese Anordnung für die Schulaufsichtsbeamten auf Kreisebene, die stets eine Genehmigung des Délégués de Cercle benötigten. Abschrift einer übersetzten Verord¬ nung Grandvals vom 13.10.1945. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Allgemeine Verwaltung, Z H- A 2 g 1945 -1947. 90 Siehe oben, S. 37. 80