ohne deutsche Beteiligung von den Besatzungsmächten in Angriff genommen wurde, war im Nachkriegsdeutschland und vor allem an der Saar an sich nichts Ungewöhnliches. Im Saarland verquickte sich diese Praxis aber von Anfang an mit den französischen Spekula¬ tionen um Separation und Kollaboration. Diese Feststellung kann hier vor allem damit be¬ legt werden, daß die Ablösung Jungs weder mit einem Fehlverhalten aus den Tagen der Hitlerdiktatur, noch mit mangelnder Qualifikation oder gar mit einem Widerstand gegen Anordnungen der militärischen Administration begründet werden konnte. Der Wechsel von Jung zu Straus darf darum als eines von vielen Beispielen für eine gezielte Personalpolitik der französischen Militärregierung erwähnt werden, die, wie es der ehe¬ malige sozialdemokratische (SPS) Abgeordnete Ernst Kunkel ausdrücklich bestätigt hat, in allen Bereichen des öffentlichen Lebens des Saarlandes in den ersten beiden Nachkriegs¬ jahren zu beobachten gewesen seien72. Auffällig war dabei, daß die Militärregierung die für sie wesentliche Frage der Loyalität allzuoft eng mit der Kalkulation politisch-konfes¬ sioneller Mentalitäten verknüpfte. Solche Erwägungen deutet zum Beispiel ein Bericht des Oberkirchenrates Heinrich Held vom 5.2.1947 an, den dieser als Beauftragter der Evan¬ gelischen Kirche im Rheinland, zu deren Einzugsbereich der größte Teil des Saarlandes ge¬ hört, über ein tags zuvor stattgefundenes Informationsgespräch mit dem Leiter der Af¬ faires Administration der französischen Militärregierung im Saarland, Robert Parisot, verfaßt hat. Danach zeigte sich Parisot über die Geschichte der Rheinischen Kirche nicht hinreichend unterrichtet, weshalb er sie als eine preußische Angelegenheit verstand73. Das hier deutlich werdende französische Vorurteil aufgrund eines angenommenen Borussia- nismus der Evangelischen Landeskirche im Rheinland, das in seiner politischen Wirkung im Zusammenhang mit den im vorigen Hauptkapitel angesprochenen französischen Ab¬ neigungen gegen die Dominanz des Protestantischen und Preußischen in der jüngeren Ge¬ schichte Deutschlands bereits erwähnt wurde74 und im Saarland natürlich einen beson¬ deren Akzent besaß, spielte offenbar auch bei der rigoros durchgeführten Amtsenthebung Jungs zugunsten von Straus eine Rolle. Ludwig Jung, energischer Leiter der Schulabtei¬ lung bis zum 1. Februar 194675, war, wie übrigens Regierungspräsident Neureuter auch, kirchentreuer Protestant und damit ein Beamter an verantwortlicher Stelle, der in den Augen der französischen Militärbehörden aufgrund des dort herrschenden Argwohns ge¬ genüber der protestantisch-preußischen Welt zwangsläufig als politisch unzuverlässig er¬ scheinen mußte76. So ist das Schicksal des Regierungsdirektors Jung, der auf eine eigen¬ ständige, aber schulpolitisch wirkungsschwache Amtsstelle abgeschoben wurde, die für Lehr- und Lehrbuchempfehlungen zuständig war77, zugleich ein Beleg dafür, daß die Be¬ satzer an der Saar mit politischen Strömungen katholischer Prägung eher eine Zusammen¬ arbeit zu finden glaubten als mit Politikern evangelischer Konfession. 72 Interview E. Kunkel mit J. V. Wagner vom 30.5.1966. Bibliothek der Universität des Saarlandes, Sammlung J. V. Wagner. Allgemein zu dieser Thematik H. Schneider, S. 69 ff. Siehe auch D. M. Schneider. 73 Durchschlag des Berichts über die kirchliche Lage an der Saar vom 5. 2. 1947. Archiv der Evan¬ gelischen Kirche im Rheinland, Bestand 12-19 Saarland, Nr. 1. 74 Siehe oben, S. 46 ff. 75 Interview H. Kuhn vom 11. 12. 1975. 76 Die Bestätigung hierzu findet sich gewissermaßen im Quellentext (letzter Satz), der auf S. 121 in der Anmerkung 306 wiedergegeben ist. 77 Vgl. Verfügung des Regierungspräsidenten Neureuter-Tgl. 450/48 -vom 1. 2. 1946. LA Saar¬ brücken, Bestand Regierungspräsidium Nr. 65, Bl. 2 und 3. 78