Baden-Baden unterstellten Délégation Supérieure de la Sarre in Saarbrücken56, mußte Re¬ gierungspräsident Neureuter aufgrund einer Weisung der Militärregierung im Saarland für seine Dienststelle eine gegenüber deutschen Oberbehörden autonome Stellung in allen Angelegenheiten staatlicher Verwaltung geltend machen,57 da das Saargebiet hinfort eine eigene, von anderen administrativen Bindungen unabhängige verwaltungsmäßige Ein¬ heit bilde58. Damit war für diesen Raum eine erste und zugleich wesentliche Vorausset¬ zung für eine Sonderentwicklung geschaffen; denn die im Laufe der Zeit zunehmende Ei¬ genständigkeit der Saarbrücker Militärregierung gegenüber Baden-Baden konnte nun aufgrund aufgelöster verwaltungsmäßiger Bindungen durchschlagen und bald im Inter¬ esse einer Politik wirksam werden, die, nachdem der Gedanke einer politischen Annexion fallen gelassen werden mußte, auf eine halbautonome Eigenstaatlichkeit der Saar hin¬ zielte. Sie erfaßte natürlich auch die Schulverwaltung und Schulaufsicht. Noch wichtiger für die kommende Entwicklung war aber zunächst die Personalpolitik im Sektor schuli¬ sche Verwaltung und Aufsicht. Am 1. August 1945 berief Neureuter mit Genehmigung der französischen Militärregie¬ rung den ehemaligen Handelsstudienrat Dr. Ludwig Jung zum Direktor der Erziehungs¬ abteilung seines Regierungspräsidiums59, Das Schuldezernat bestand damals nur aus fünf Referaten60. Jung konnte gleich über einen Stab von Mitarbeitern verfügen. Es waren, wie er in seinem Bericht vom 4. August 1945 an die französische Militärregierung versicherte, alles neue Männer, die nicht Parteimitglieder waren61. Die rigorose Säuberung des Beam¬ tenapparats der saarländischen Schulabteilung hatte zur Folge, daß er mit einem weitge¬ hendst unerfahrenen Personalkörper dastand, um schwierigste Aufgaben in einer ex¬ tremen Ausnahmesituation bewältigen zu müssen. Jung war sich durchaus der Probleme bewußt, die sich aus der Unerfahrenheitseiner Bediensteten ergaben. Aus diesem Grunde schlug er als Amtsleiter seines Verwaltungsreferats den bisherigen Inhaber vor, der, so Jung, zwar Parteimitglied gewesen sei, den Nationalsozialismus aber gefühlsmäßig abge¬ lehnt habe. Seine Entscheidung begründete Jung mit dem Hinweis, daß es ihm unmöglich sei, die Abteilung mit Vorteil zu führen, wenn nicht mindestens ein verwaltungsmäßig vorgeschulter Fachmann darinnen verbleibt62. Dieser Vorgang einer an sich alltäglichen personalpolitischen Entscheidung zeigt an, daß, wie im übrigen Deutschland, auch im Saarland die Frage der Entnazifizierung des öffentlichen Bildungssektors unter perso¬ nellem Aspekt schon im Jahre 1945 im Zeichen von fachlich und sachlich begründeten Kompromißzwängen gestanden hat. Merklich unproblematischer war diese Frage für die Schulaufsicht zu lösen, da man hier aus einem großen Kreis erfahrener Lehrer eher poli¬ 56 Am 30. August 1945. 57 Vgl. hierzu Schreiben der Militärregierung an Neureuter vom 25. 6.1945 und Antwortschreiben Neureuters an die Militärregierung vom 2. 8. 1945. LA Saarbrücken, Bestand Regierungspräsi¬ dium Nr. 1. 58 Amtsblatt des Regierungspräsidiums, Nr. 3/1945, S. 5 59 Undatierter Aktenvermerk. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Allgemeine Verwaltung, ZI — B 6 1945 - 1957. Das Regierungspräsidium bestand damals aus 7 Abteilungen, das Schulde¬ zernat existierte als Abteilung V. 60 Vgl. dazu den Organisationsplan vom September 1945. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. All¬ gemeine Verwaltung, Z II - A 2 g 1945 - 1947. 61 Bericht Jungs an die Militärregierung vom 4. 8. 1945. LA Saarbrücken, Bestand KM, Abt. Allge¬ meine Verwaltung, Z II - A 2 g 1945 - 1947. 62 Ebenda, S. 2. 76