stand. In diesem Sinne sind auch die Ausführungen Grandvals zu interpretieren, die er im Jahre 1975 im Saarländischen Rundfunk zum Thema Kulturpolitik für den Zeitraum 1945 bis 1955 machte: Sie (gemeint ist die Kulturpolitik) war in der Tat — darüber gibt es nichts zu diskutieren — identisch mit der Politik Frankreichs an der Saar.49 Im Zeichen einer kontrollierten kulturpolitischen Selbstverwaltung bot Frankreich den Saarländern tatsächlich die Möglichkeit einer Bildungspolitik an, die, wie Michel Debré es im Jahre 1977 formulierte, von dem Grundsatz ausging: Il n’était en aucune façon question d’une assimilation, ni même d’une annexion...50 Debré, der als damaliger Vorsitzender der Mis¬ sion de coordination des études pour le rattachement de la Sarre entscheidenden Anteil an der Ausarbeitung des späteren Saarstatuts gehabt hat,51 versichert in seinen weiteren Ausführungen dann: qu’il n’y a point d’incertitude au sujet des desseins culturels de la France, au moins à dater de la seconde partie de l’année 1946 où j’ai été en charge de l’af¬ faire sarroise.52 In den saarpolitischen Leitlinien, die die französische Regierung im Januar 1948 ausgab, wurde der „Point de vue culturel“ freilich weniger generös bestimmt. Die von Frankreich für notwendig gehaltene Interdependenz von Kontrolle, Einfluß, Autonomie und Selbst¬ verwaltung wurde hier sogar deutlich herausgestellt, wenn es dort hieß: Notre but est d’assurer à la culture française en Sarre un développement constant; mais il faut prêter attention au contre-coup que des mesures maladroites ne manqueraient pas de provoquer. Tout doit être mis en oeuvre pour éviter que des positions excessives n’é¬ veillent un nationalisme qui pourrait trouver plus tard dans un renouveau du germanisme les encouragements dont il manque pour le moment. La France a un intérêt évident à favoriser une coupure entre la Sarre et le reste de l’Alle¬ magne. Toutefois la force de liens traditionnels, les principes même de notre action en Sarre nous obligent à faire preuve du maximum de tact. Il nous faudra laisser jouer l’au¬ tonome sarrois sans mettre ouvertement en avant l’influence française. Il importe de ne pas sacrifier par une propagande trop voyante les exellents atouts que sont les particula¬ rismes locaux.53 Schon im Vorfeld der erstrebten französisch-saarländischen Zusammenarbeit und damit, vielleicht mit Ausnahme der britischen Besatzungszone, wesentlich früher als sonst in Deutschland, machten sich diese französischerseits kalkulierten Kompetenzzuweisungen 49 Zitiert nach H. Schwan, Kampf, S. 9. 50 M. Debré an den Verfasser vom 29. 7. 1977. 51 In diesem Zusammenhang ist es interessant zu erwähnen, daß Debré als maßgeblicher Schöpfer der Verfassung der Fünften Republik und wegen seiner patriotischen Gesinnung auch im heu¬ tigen Frankreich ungeachtet seiner politischen Außenseiterrolle als orthodoxer Gaullist hohes Ansehen genießt. 52 M. Debré an den Verfasser vom 29. 7. 1977. Angemerkt sei in diesem Zusammenhang eine Äu¬ ßerung Grandvals in seiner Abschiedsrede am 30. Juni 1955. Damals sagte er: Als Land deut¬ scher Kultur, an die wir, daß wissen Sie besser als sonst jemand, niemals haben rühren wollen, eröffnen sich heute dem Saarland dank der für beide Seiten im gleichen Maße dienlichen geistigen Durchdringung, Horizonte einer französischen Kultur, deren universelle Berufung die eigene Kultur des Saarlandes in glücklichster Weise vervollständigt. G. Grandval, Allocution, deut¬ sche Fassung. 53 Projet d’instructions au Haut-Commissaire Français en Sarre, ausgegeben vom französischen Außenministerium — Direction d’Europe, Sous-Direction Sarre - am 17. 1. 1948. Ministère des Affaires Étrangères, Archives et Documentation, Bestand Z Europe, 1944 — 1949 juin. Sous-Di¬ rection de la Sarre au Quai d’Orsay, Nr. 2. 74