Rücktritt de Gaulles als Staatsoberhaupt und Ministerpräsident der Provisorischen Re¬ gierung, deutete Außenminister Bidault erstmals eine flexiblere Haltung seines Landes in der Saarfrage an. Vor der Nationalversammlung redete er nicht nur einer wirtschaftlichen Annexion der Saar als eigentliches Ziel Frankreichs das Wort, sondern er erklärte für sein Land auch die Bereitschaft, in der Saarfrage nur in Abstimmung mit den anderen Sieger¬ mächten vorzugehen. Was den endgültigen Status dieses Gebietes angeht, so Bidault, so wird er Gegenstand einer Entscheidung sein, die wir später zusammen mit unseren großen Alliierten treffen werdend8 Im Zeichen dieser neuen Strategie erreichten die Alliierten dann am 12. Februar eine Note, in der die französischen Kontroll- und Gegenwartsan¬ sprüche in ihrem sicherheits- und wirtschaftspolitischen Kern ausdrücklich betont wurden. Im Falle eines Entgegenkommens stellte Frankreich eine geschmeidigere Haltung in der Frage einer deutschen Zentralverwaltung in Aussicht, womit ein Junktim geboren war, das von der französischen Diplomatie in den Auseinandersetzungen um die Saar in späteren Jahren wiederholt in ähnlicher Weise eingesetzt werden sollte. Wenn die franzö¬ sische Regierung auch ausdrücklich anerkannte, daß eine endgültige Regelung der Saar¬ frage erst durch einen Friedensvertrag erfolgen könne, so liefern die offenbar bewußt hin¬ ausgeschobene Aussage über die staatsbürgerliche Stellung der Saarländer und das aus¬ drücklich betonte Recht der Saarländer auf spätere Optionen dennoch faßbare Hinweise, daß der Gedanke an eine langfristig geortete politische Annexion im Frühjahr 1946 noch längst nicht aufgegeben war.18 19 Die Entscheidung über das endgültige und dann auch in praktische Politik umgesetzte französische Saarkonzept muß im Zeitraum Ende Mai 1946 (Brief Laffon)/September 1946 gefallen sein. Es sind Monate reger diplomatischer Aktivitäten Frankreichs wegen der Saarfrage20 und intensiver Anstrengungen und Vorbereitungen, um den künftigen Status der Saar zu klären. Dabei wird im September 1946 eine Zäsur deutlich und zwar deshalb, weil der französische Außenminister Bidault in streng vertraulich und getrennt geführten Gesprächen mit dem englischen Außenminister Ernest Bevin, und seinem ame¬ rikanischen Kollegen, James Francis Byrnes, am 24. dieses Monats in Paris definitiv den Verzicht Frankreichs auf eine politische Annexion erklärte. Gegenüber Bevin eröffnete er das Gespräch vorsichtig mit der Bemerkung: Je ne vous demande ni bénédiction ni accord. Je vous demande de ne pas vous opposer à certaines mesures que nous prendrons dans le domaine douanier et monétaire. Schließlich erklärte er klipp und klar: Il ne s'agit nullement d’annexion politique ...Je désire préciser qu’il s’agit pour nous uni¬ quement de mesures conservatoires et que c’est au cours de la discussion du traité de paix que la décision finale devra être prise. Bidault begründete das Vorgehen Frankreichs an der Saar vorwiegend mit der angeschla¬ genen Stellung als europäische Ordnungsmacht, die sein Land unbedingt überwinden 18 Journal officiel. Débats pari. Assemblée nationale, 18. Januar 1946, S. 80. Zitiert nach der Über¬ setzung bei J. Freymond, S. 45. 19 Vgl. hierzu J. Freymond, S. 45 f. 20 Im Zeitraum April 1946 bis April 1947 interventierte Franreich 14 mal offiziell bei den alliierten Regierungen wegen der Saar. Außerdem soll es zahlreiche private Gespräche gegeben haben. Nach R. H. Schmidt, Bd. 2, S. 1. Die Aktivitäten nach dem 24. 9. 46 bezogen sich nur auf das künftige Saarstatut. 66