So zum Beispiel in seiner Baden-Badener Rede am 5. Oktober 1945, als er im Zusammen¬ hang über eine von ihm erwünschte frankreichgeneigte Zukunft der linksrheinischen deutschen Gebiete u. a. ausführte: S’agit-il d’une annexion? Non pas; du reste, je ne veux pas jouer sur les mots. Ce doit être une union économique et morale, une présence, un con¬ trôle indéfini,6 An sich spielte die Saar in der französischen Deutschlandpolitik nur eine untergeordnete Rolle. Andererseits war davon auszugehen, daß das Interesse Frankreichs an dieser Indu¬ strieregion in der unmittelbaren Nähe seiner Nordostgrenze stark sein würde. Schließlich war es hier schon nach dem Ersten Weltkrieg gegenwärtig gewesen, um die Wirtschafts¬ potentiale und damit die Rüstungskraft der beiden Länder zugunsten der eigenen zu ver¬ schieben. Aus diesem Grunde mußte man im Jahre 1945 erwarten, daß Frankreich im Falle beabsichtigter Annexionen in erster Linie die Saar im Auge haben würde. Aber auch gegenüber der Saar hielt sich de Gaulle an seine taktische Marschroute. Anläßlich seines Aufenthalts in Saarbrücken am 3. Oktober 1945 sprach er vor den Notabein der Stadt nur vom Willen Frankreichs zum Beistand. Trotz allem, so de Gaulle, was zwischen uns vor¬ gefallen ist, sind wir doch Westeuropäer, müssen zusammenstehen und einander ver¬ stehen.7 Hinter solchen Werbungen stand die Vorstellung des geschichtsbewußten Gene¬ rals von einer Wiedergeburt eines politisch starken Abendlandes, dessen Kern ein welt¬ weit geachtetes Frankreich sein sollte. Mußte eine solche aus der Suche nach einer gro߬ räumigen Neuordnung Westeuropas und einem starken Frankreich gedanklich entwik- kelte Politik aber nicht doch eine politische Annexion der hochgradig industrialisierten Saar herausfordern? In Frankreich selbst gab es genug Stimmen, die für einen solchen Schritt plädierten. Erin¬ nert sei hier nur an verschiedene Äußerungen in der Debatte der Provisorischen Bera¬ tenden Versammlung am 21. und 22. November 1944 in Paris, an die Erklärung ihres Außenpolitischen Ausschusses zur Saarfrage vom 5. Mai 1945, an verschiedene Partei¬ kongresse und auch an den Bericht der nach dem ehemaligen französischen Konsul in Saarbrücken, L. Abel Verdier, benannten Kommission über die Saarfrage.8 Französische Annexionsneigungen lassen sich überdies in dem begünstigten Wirken von Organisa¬ tionen vermuten, die mehr oder weniger offen für eine Einverleibung der Saar in den fran¬ zösischen Staatsverband eintraten, nämlich der Association française de la Sarre und dem Mouvement pour la Libération de la Sarre,9 das später bezeichnenderweise in Mouve¬ ment pour le Rattachement de la Sarre à la France umgenannt wurde. Schließlich deuten auch die penetrant vorgetragenen Hinweise auf die besondere Verbundenheit der Saar mit der französischen Geschichte an, daß in Frankreich eine breite und tief verwurzelte Zu¬ stimmung für einen politischen Anschluß der Saar bestand. Der innenpolitische Rückhalt für einen Annexionsentschluß war für die französische Regierung im Jahre 1945 zweifels¬ ohne recht stark. 6 La Revue de la Zone Française, Freiburg 1945, 9. Zitiert nach H.-P. Schwarz, S. 184. Renaissance de la Sarre, Saarbrücken 1947, S. 45. Zitiert nach J. Freymond, S. 45. 8 Auszugsweise abgedruckt in Le Monde vom 7. und 8. Mai 1945. Eingehende Würdigung bei J. Freymond, S. 40 f. 9 Zur Geschichte, Programmatik und Mitgliederstruktur dieser Vereinigungen vgl. im einzelnen J. Freymond, S. 37 ff. und R.H. Schmidt, Bd. 1, S. 149 ff. und S. 512 f. Siehe auch Anm. 15 auf S. 65. 62