Bildungstraditionen entliehen waren143. Unübersehbar war dabei die Neigung zu einer ra¬ tional-idealistischen, im Geiste Comtes formulierten Ethik, d. h., propagiert wurde in diesem Zusammenhang allzugern die Intention einer bürgerlichen Moralgesinnung im Zeichen des Fortschritts und der Humanität, die im Französischen oft mit dem Begriff des „civisme“ umschrieben wird. Allerdings wurde dieser pädagogische Wille entscheidend gehemmt durch die von vielen französischen Bildungsoffizieren gehegten Vorurteile ge¬ genüber der deutschen Wesens- und Lebensart. Spürbar wurde ein national gefärbtes Überlegenheitsgehabe, das man in Erinnerung an das hybride Denken der Deutschen in der Wilhelminischen Epoche auf die abgewandelte Formel bringen könnte, „am französi¬ schen Wesen sollen die Deutschen genesen“. Die dadurch provozierten Spannungen zur deutschen Bevölkerung begünstigten die Entstehung einer bildungspolitischen Abwehr¬ front gegen das französische Besatzungsregime, wobei die Furcht vor einer romanischen Überfremdung in fast allen Bevölkerungsteilen ebenso bedeutsam war wie die Sorge ka¬ tholischer Bevölkerungskreise vor einer Entkonfessionalisierung des Schulwesens, in der sie eine gefährliche Bedrohung ihrer religiösen Lebensrechte sahen144. Die im Laufe der Jahre wachsende Kluft zwischen deutscher Zivilbevölkerung und französischem Besat¬ zungsmilitär im allgemeinen und in der Schulpolitik im besonderen145, über die auch ge¬ meinsame, allerdings unterschiedlich motivierte Aversionen gegen den zentralistischen und militaristischen Geist preußischer Vergangenheit nicht hinwegtäuschen können146, hat der französischen Bildungspolitik in Deutschland viel von ihrer Effizienz genommen. Schon im Sommer des Jahres 1947 mußte die Militärregierung in Baden-Baden auf die Mitwirkung der inzwischen wieder funktionierenden deutschen Kultusadministration, den Mitgestaltungswillen der zugelassenen Parteien und nicht zuletzt auf die immer nach¬ drücklicher vorgetragenen Wünsche der evangelischen und katholischen Kirche in Bil¬ dungsfragen Rücksicht nehmen147. Die wegen ihres Widerstandes gegen das Hitlerregime 143 Wir haben versucht, unser Bildungssystem zu exportieren. Persönliche Mitteilung R. Chevals vom 19. 9. 1979. 144 Nach Aufzeichnungen des Trierer Generalvikars H. von Meurers. BA Trier, Abt. 105, Chronik 1946,S.22 (6.2.1946). Interessant in diesem Zusammenhang ist auch derTextdes Hirtenbriefs des Trierer Bischofs Bornewasser vom 23. 9. 1945. Dort heißt es u. a.: Ich persönlich habe mich in einem eingehenden Schreiben an den Oberkommandierenden der französischen Besatzungs¬ armee, General Koenig in Baden-Baden, gewandt und vor wenigen Tagen einen Domherrn be¬ auftragt, persönlich noch einmal des Bischofs und des katholischen Volkes Verlangen darzu¬ legen. Dasselbe habe ich bei dem für die Regierungsbezirke Trier und Koblenz zuständigen Ge¬ neral Bilotte in Bad Ems getan; und zweimal habe ich einem von ihm gesandten Offizier unseren klaren und berechtigten Standpunkt in der Schulfrage dargelegt. BA Trier, Abt. 105, Chronik 1945, S. 217. Siehe auch den Brief Bornewassers an die Geistlichen seines Bistums vom 21. 9. 1945. Ebenda S. 216. 145 Ausführlich dazu R. Gilmore,S. 124 ff. 146 Vgl. dazu H. J. Wünschei; A. Ruge-Schatz, Umerziehung, S. 50 (Quelle: Regierungspräsi¬ dent Dr. Wilhelm Boden) und H. Mathy, passim. 14 Vgl. hierzu den schon mehrmals erwähnten aufschlußreichen Beitrag von R. Winkeier. Diese quellendichte und auf zahlreiche Interviews beruhende Detailstudie widmet sich ausführlich der Wiederherstellung des konfessionell strukturierten Volksschulwesens am Beispiel des überwie¬ gend katholisch bevölkerten Württemberg-Hohenzollern. R. Winkeier, passim, vor allem aber S. 33 ff. und S. 113 ff. Vgl. auch R uge-Schatz, deren F ragestellung auf dem Hintergrund ihrer persönlichen Klage über die vermeintliche Bildungskatastrophe der sechziger Jahre den Hi¬ storiker allerdings zur Distanz drängt. A. Ruge-Schatz, Umerziehung, S. 68 ff. Die Untersu¬ chung G i 1 m o r e s beleuchtet zwar ein breites kulturpolitisches Spektrum, klammert aber bedau¬ erlicherweise den von deutscher Seite entwickelten Gestaltungswillen in Schulfragen fast völlig aus. R. Gilmore. 53