litik im besetzten Deutschland entscheidend von der der angelsächsischen Siegermächte, die trotz aller Nachdrücklichkeit relativ frei von nationalen Spekulationen blieb. Gro߬ britannien und die Vereinigten Staaten von Amerika sorgten sich entschieden für den Aufbau eines öffentlichen Bildungswesens in und für Deutschland mit dem Ziel, demo¬ kratische und rechtsstaatliche Lebensformen nach westlichem Vorbild endgültig zu stabi¬ lisieren als Voraussetzung für die Wiederaufnahme des deutschen Volkes in die Völkerfa¬ milie. 4.2 Das französische Deutschlandbild in seiner Rückwirkung auf die Bildungspolitik Frankreichs in Deutschland Die im Vergleich zu Großbritannien und den USA wesentlich stärkere Betonung natio¬ naler Interessen in der Deutschlandpolitik Frankreichs steht in engem Zusammenhang mit der Sonderheit des Deutschlandbildes, das jenseits des Rheins vorherrschte. Es wurde entscheidend geprägt durch die wechselvolle und leidgeprägte Beziehung beider Länder seit 1870, in der sich bald die Auffassung von einer schicksalshaften Auseinandersetzung zwischen einer aus keltisch-römischen Lebensformen erwachsenen Zivilisation des fran¬ koromanischen Europas und der dort wirksam gebliebenen sittlichen Macht des Katholi¬ zismus einerseits und einem chaotischen protestantisch geprägten Germanentum ande¬ rerseits verwurzelte. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges hatte dieses Denken erneut Auf¬ trieb erhalten, allerdings wich nun der chauvinistische Grundzug, „die Haltung des besin- nungs- und kompromißlosen Hasses der Jahre nach Versailles“107, einer eher kühleren und gelasseneren Beurteilung. Diese Entwicklung stand unter anderem im Zusammen¬ hang mit der Desavouierung anerkannter Wortführer der militanten Rechten als Sprach¬ rohr der öffentlichen Meinung in Frankreich aufgrund ihrer erklärten Verbundenheit mit dem Pétain-Regime. Die Bloßstellung weiter Teile des französischen Chauvinismus än¬ derte allerdings wenig an der Tatsache, daß in Frankreich nach 1945 starke Ressentiments gegenüber Deutschland wach blieben. Der Groll auf den Nachbarn östlich des Rheins auf dem Hintergrund einer verfestigten und verbreiteten Ideologie von der französisch-deut¬ schen Erbfeindschaft108 erhielt durch ein populäres Verständnis der deutschen Geschichte im Sinne einer deterministischen Entwicklung zum Hitlerstaat hin zusätzlich einen starken Akzent, wenngleich man hinzufügen muß, daß solche Lehren, die vor allem im Protestantismus, in der deutschen Romantik und im preußischen Militarismus Wurzeln nationalsozialistischer Willkürherrschaft sahen, nach dem Zweiten Weltkrieg allmählich an Wirkkraft verloren. Zu den prominentesten Vertretern solcher historischen Deu¬ tungen gehörte der damals einflußreiche und als Germanist und Politikwissenschaftler anerkannte Edmond Vermeil109, Professor an der Sorbonne, dann der Soziologe, Histo¬ riker und Nationalökonom André Siegfried110, ebenfalls Lehrstuhlinhaber an der Sor¬ bonne und darüber hinaus Mitglied der Académie française, und der Historiker Charles Morazé111, ein führender Vertreter der chauvinistischen Action française. 107 K. Heitmann, S. 190. i°8 Vgl. im einzelnen den Beitrag von K. Heitmann über das französische Deutschlandbild in seiner Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert, insbesondere S. 170 ff. 109 K. Heitmann, S. 191. 110 Ebenda, S. 190. 111 Interview E. Straus vom 1. 5. 1978. 46