damit für Bildung besonders motiviert war. Das allgemein im damaligen Deutschland bestehende Bildungsgefälle zwischen „Stadt“ und „Land“ war also auch an der Saar spürbar. 4. Im Saargebiet konnte sich bis zum Jahre 1945 ein historisch gewachsenes territorialpo¬ litisch orientiertes Bewußtsein nicht entwickeln. Eine wichtige Ursache für diese Tat¬ sache war die bis in die Tage des Völkerbundregimes andauernde und gewollte soziale und kulturelle Abgrenzung zwischen der evangelischen Bevölkerung des ehemaligen Fürstentums Nassau-Saarbrücken und der vornehmlich in den angrenzenden Land¬ kreisen ansässigen katholischen Bevölkerung72. Die dadurch im Saargebiet begün¬ stigte starke Bindung an alte Territorien hatte ihre entsprechende Rückwirkung auch auf die kulturelle Entwicklung. Wenn die lokale Orientierung im Laufe des 19. Jahr¬ hunderts infolge der Zugehörigkeit zu den großflächigen Staaten Preußen und Bayern, durch den Wandel vom Bauernland zur Industrieregion und dann vor allem durch die nationalstaatliche Organisation Deutschlands auch an Kraft verlor, so blieb das Kul¬ turleben im Saarraum dennoch stark den Gedankenkreisen von Heimat und Brauchtum verpflichtet. Der Bedacht auf Tradition und Stetigkeit erwies sich für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zwar als vorteilhaft, er hemmte aber im Bil¬ dungsbereich jenen Fortschritts- und Aufstiegswillen, der notwendig gewesen wäre, um eine ausreichende Zahl einheimischer Führungskräfte in Wirtschaft und Verwal¬ tung zu erreichen. 5. Von 1920 bis 1935 erlebte das Saargebiet einen spürbaren Aufschwung seines Kultur¬ lebens, der sich auch auf die schulische Situation förderlich auswirkte, insbesondere im berufsbildenden Bereich. 6. Zweimal stand die Schule an der Saar im Brennpunkt der Politik. Der Streit um die Do- manialschulen und den fakultativen französischen Sprachunterricht im Bereich der Volksschule zeigte, daß sich die saarländische Bevölkerung mit ihrem deutschen Va¬ terland und seiner Kultur eng verbunden fühlte, der Schulkampf des Jahres 1937 be¬ legt nicht nur die Abwehrbereitschaft der Saarbevölkerung gegenüber den glaubens¬ feindlichen Bestrebungen des Nationalismus im Bildungsbereich, sondern zugleich auch den Rückhalt, den eine kirchenfreundliche Schulpolitik im damaligen Saarland hatte. 3.4 Saarländische Bildungsstrukturen nach dem Kriege Es folgt nun die Darstellung der Strukturen des öffentlichen Bildungswes^ns an der Saar zu Beginn des hier anstehenden Untersuchungszeitraumes. Zur Sprache kommen dabei auch das Schulrecht und die besondere Rolle der katholischen Kirche und des politischen Katholizismus in Schulfragen. Auf eine Einordnung der Sachverhalte in bildungspoliti¬ sche Entscheidungsprozesse wird allerdings in diesem Kapitel noch verzichtet. Wenn im folgenden vornehmlich auf Zahlen aus den Jahren 1950 und 1951 zurückge¬ griffen wird, so geschieht das vornehmlich aus dem Grunde, weil erst zu diesem Zeitpunkt eine weitgehende Normalisierung der schulischen Situation eingetreten war. Die Werte der Jahre 1950 und 1951 geben aus diesem Grunde zuverlässigere Auskünfte als Angaben 72 Vgl. hierzu D. Bettinger. 38