Schlußdiskussion Leitung: Edith Ennen Edith Ennen: Im Bemühen, die frühneuzeitliche Festungsstadt in den Griff zu bekommen, ist uns ein ganzes Zeitalter lebendig geworden. Es wurde klar, wie sehr ein auf den ersten Blick vielleicht etwas nüchterner Gegenstand wie die Festungsstadt Ausdruck geistiger Strömungen ist, daß Architektur und Plan dieser Festungen sehr tiefe Wurzeln in der Renaissance haben — ich darf an den einleitenden Vortrag von Flerm Eimer erinnern. Wir haben die Festung als militärisches Instrument, das Corps du génie auch als Ausdruck der Philosophie, nicht zuletzt der Philosophie von Descar¬ tes kennengelernt. Herr Gembruch hat uns in seiner fesselnden Darstellung Vaubans, dieser interessanten Persönlichkeit, gezeigt, in welch großen geistigen Zusammenhän¬ gen die Gedankenwelt Vaubans steht, wie tief eingewurzelt sie in den Rationalismus der Zeit war; und das Land Vaubans, Frankreich, seine demographischen, seine ökonomischen und seine finanziellen Strukturen hat uns Herr Goubert sehr genau beschrieben, gestützt auf die vielen Möglichkeiten, die ihm die moderne französische Forschung dabei an die Hand gibt. Die bedeutende Rolle der Staatsfinanzen ist ja bis in die Einzelprivilegien für die Festungen hinein fühlbar. Die Politik, die Diplomatie der Zeit, den Kampf Frankreichs gegen die Habsburger Universalmonarchie, die gan¬ zen großen europäischen Spannungen und Auseinandersetzungen bis zum großen renversement des alliances hat Herr Weber vor uns ausgebreitet. Dann ist uns, dank Herrn Kiss, die Ausweitung des Blickfeldes nach dem Südosten gelungen, und Herr Rostanowski hat den Osten überhaupt, auch in den polnischen und schwedischen Beziehungen, ins Gespräch gebracht. Heute ist uns aber auch die Notwendigkeit einer interdisziplinären Bearbeitung dieses wirklich großen Themas „Europäische Festungsstadt“ sehr deutlich geworden. Die verfassungsgeschichtliche Betrachtung erscheint grundlegend; sie ist außerordent¬ lich interessant im Beitrag von Herrn Herrmann zur Sprache gekommen. Wir haben uns natürlich nicht nur die Frage nach dem Beginn der Festung, nach der Befestigung stellen müssen, sondern auch die Frage nach der Entfestigung, nach dem, was danach kommt, nach der Bedeutung von Entfestigung und Stadtplanung; Herr von der Dollen hat uns das an den Beispielen Bonn und Koblenz sehr anschaulich gezeigt. Mit Würzburg hat uns Herr Sicken dann einen sehr interessanten Fall vorge¬ führt, die Vielfalt der Funktionen einer barocken Residenz- und Festungsstadt, wobei auch die Frage der Auswirkungen des Festungsbaus auf die Bevölkerung angesprochen wurde. Und schließlich hat uns Herr Le Moigne aufgrund eines großartigen archivali- schen Materials dargetan, wie positiv sich ein solcher Festungsbau, ein solches Fe¬ stungssystem auf eine Provinz auswirken konnte, und zwar sowohl auf den städti¬ schen als auch auf den ländlichen Bereich. Dabei ist das Verhältnis von Festung und Umland, das vorher gelegentlich schon einmal anklang, sehr intensiv berührt worden, z. B. die Stimulation von ganz neuen landwirtschaftlichen Kulturen wie etwa Tabak. Klaus Fehn, Bonn: Am Ende einer so inhaltsreichen Tagung scheint es mir wichtig, daß noch einmal einige grundsätzliche Fragen aufgegriffen werden. Wir haben uns mit 224