In dem gleichen Schreiben22, das Argumente für die Verwendung am Wiener Hof zusammenstellt, verweist der Konferenzminister von Hohenfeld auch auf die allge¬ meine Verteidigungslage an der Westgrenze: Von Basel an werde am Rhein entlang keine Fortifikation mehr unterhalten. Kehl und Philippsburg, die einzigen Reichs¬ festungen im strengen Sinn23, habe das Reich selbst zerfallen lassen. Mainz, welches so viele Reichsbeiträge an seine Fortifikations verbauet, schleife nun einen starken Teil zum Hofgarten. Aus allem gehe hervor, daß eine allmählich vorgenommene Beseiti¬ gung der Koblenzer Werke nur zum Nutzen der Untertanen erfolge. Ist der Bericht auch in der bestimmten Absicht geschrieben, die Beseitigung der Bastionen im südöstlichen Bereich plausibel zu begründen, woran Kurfürst Clemens Wenzeslaus ein persönliches Interesse besitzt, so ist er doch keineswegs übertrieben, wie aus anderen Quellenzeugnissen zu ersehen. Als schlecht informiert erweist sich der französische Gesandte am kurtrierischen Hof, Graf Moustier, der in seinem Bericht von 1779 behauptet, nicht nur das Dom¬ kapitel, sondern auch die Stände hätten gegen die Beseitigung der Festungswerke protestiert. Der Kurfürst habe sie nur mit dem Versprechen beruhigen können, die Bastionen wieder zu errichten, wenn sie es für nötig hielten. Moustier schätzt die Wichtigkeit der Festung Koblenz hoch ein, ohne aber ihren tatsächlichen Zustand zu berücksichtigen oder zu erwähnen. Aus diesem militärisch-strategischen Blickwinkel (Wert der Festung für Frankreich) gelangt er auch zu einer negativen Kritik an dem Schloßbau- und Stadterweiterungsvorhaben des Kurfürsten Clemens Wenzeslaus24. Die Forschungen von Lautzas über Mainz ergeben für das letzte Viertel des 18. Jh. ein vergleichbares Bild einer vernachlässigten Festung. Kurfürst Emmerich Joseph erwägt 1772—74 gleichfalls ihre Schleifung25. Nach Ansicht seines Kanzlers von Benzei besitzt der Kurfürst jedoch keine alleinige Verfügungsgewalt über die Festung. Auch nach Zustimmung des Domkapitels, das einzuschalten er für richtig hält, sei eine Beseitigung der Werke nicht ohne Einwilligung des Kaisers möglich. Mainz wird im Gegensatz zu Koblenz tatsächlich als Reichsfestung im Westfälischen Frieden garantiert, in der auch ein Reichskontingent zur Unterstützung der Kurmainzischen Besatzung liegt26. Doch der diplomatische Anlauf des Mainzer Kurfürsten, sich der Belastung durch die Festung zu entledigen, bleibt stecken. 1734 sind unter der Bedrohung durch den Polnischen Erbfolgekrieg sogar Reichsmittel in die Modernisie¬ rung der Bastionen gesteckt worden27. Diese nimmt Kurfürst Emmerich Joseph 1772 zum Anlaß eines diplomatischen Schachzuges, durch den er sich der Festung zu entle¬ 22 Schreiben vom 11. 12. 1777 an den kurfürstlich Augsburgischen Geheimrat v. Cotto, LHA Koblenz 1 C 2216 23 vgl. Peter Lautzas, Die Festung Mainz im Zeitalter des Anden Régime, der Französischen Revolution und des Empire (1736—1814). Ein Beitrag zur Militärstruktur des Mittelrhein- Gebietes (Geschichtliche Landeskunde, Veröffentlichungen des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz, Bd. VIII), Phil. Diss. Mainz 1971, Wiesbaden 1973, S. 11. 24 Bericht wiedergegeben bei Kreuzberg, Die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen des Kurstaates Trier zu Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jh. bis zum Ausbruch der franzö¬ sischen Revolution, (Rheinisches Archiv, Bd. 21), Bonn 1932, S. 195 ff., hier S. 201 f. 25 Lautzas, Festung Mainz, (s.o. Anm. 23), S. 30. 26 ein Regiment des Oberrheinischen Kreises, Lautzas, a.a.O. S. 33. 27 Lautzas, a.a.O. S. 13 ff. 164