Bernhard Sicken Residenzstadt und Fortifikation. Politische, soziale und wirt¬ schaftliche Probleme der barocken Neubefestigung Würzburgs. Die Baugeschichte der Würzburger Stadtbefestigung ist durch die Untersuchungen Franz Seberichs1 weitgehend erforscht, und schwerlich wird man auf diesem Gebiet grundlegend Neues entdecken können, zumal im Zweiten Weltkrieg ein Teil der ein¬ schlägigen Quellen vernichtet wurde, die Seberich bei seinen Vorstudien noch hatte auswerten können. Da es nicht sinnvoll erscheint, hier lediglich ein Resümee aus die¬ sen wertvollen fortifikations- und architekturgeschichtlichen Arbeiten vorzutragen, soll dieser Beitrag darüber hinaus die politischen, sozial-gesellschaftlichen und wirt¬ schaftlichen Folgen skizzieren, die sich aus dem Um- und Ausbau der mittelalterlichen Verteidigungswerke zur modernen bastionären Befestigungsanlage und aus der dau¬ ernden Belegung der Stadt mit Kriegsvolk ergaben. Ein solcher Ansatz ist nicht zu¬ letzt deshalb reizvoll, weil die vorliegenden Untersuchungen zur Würzburger Ge¬ schichte derartigen Fragen bisher kaum nachgegangen sind oder sie allenfalls mit ein paar knappen Bemerkungen abgetan haben. Zwar läßt das dezimierte Archivgut nur partielle Rückschlüsse auf die vielfältigen Auswirkungen für die Bürger und Beisassen in der Stadt und die Dorfbewohner der näheren Umgebung zu, sind etwa die steuerli¬ chen Belastungen, die höhere Bodenmobilität und Besitzumschichtung, die Vor- und Nachteile für den einheimischen Handel und die Gewerbe, für den Arbeitsmarkt, die Niederlassung Fremder, die Marktfunktion der Stadt etc. meist nur grob abzuschät¬ zen, jedoch gestattet das Material immerhin einige Einblicke, die über den bisherigen Forschungsstand hinausführen. Allerdings können hier bloß fragmentarische Beobach¬ tungen vorgelegt werden, da umfangreiche Archivrecherchen nicht möglich waren, und bleiben weitere Forschungen deswegen ein Desiderat. I. Als Gustav II. Adolf von Schweden nach seinem Sieg bei Breitenfeld im Herbst 1631 nach Süddeutschland vorstieß und im Oktober ins Hochstift Würzburg einfiel, fanden seine Truppen dort kaum Widerstand, da es an Kriegsvolk fehlte und die festen Plätze nur unzureichend besetzt und unzulänglich gerüstet waren. Auch die Hauptstadt Würzburg leistete keine Gegenwehr, denn allzu aussichtslos erschien ein solches Unterfangen, genügte die spätmittelalterliche Stadtbefestigung2 doch schon längst nicht mehr den Anforderungen und hatten sich zudem die vorhandenen, ein paar hundert Mann zählenden Söldner auf die Verteidigung des oberhalb Würzburgs, 'Die Stadtbefestigung Würzburgs, 2 Bde, Würzburg 1962, 1963. — Im folgenden werden Akten belege und Literaturhinweise nur in Kurzform angeführt. Eine Zusammenstellung der benutzten Archivalien und Archivsiglen sowie das Literaturverzeichnis mit den erforderlichen bibliographischen Angaben befindet sich am Ende des Beitrags. Sofern bei archivalischen Bele¬ gen die Paginierung, die Folierung oder die Schriftstücknummer fehlt, wird als Nachweis die Datierung des Aktenstücks angegeben. 1 Vgl. die detaillierte Beschreibung bei Seberich, Stadtbefestigung Würzburgs l, S. 93 ff., 210 ff. 124