80er und den frühen 90er Jahren, also lange vor 1715, von kompetenten Männern der französisch-habsburgische Gegensatz als zweitrangig gegenüber dem französisch-eng¬ lischen angesehen wurde, wofür die neuesten Darstellungen über die Opposition gegen das Regime Ludwigs XIV. von Rothkrug und Malettke weitere interessante Belege liefern. Daß diese Einsicht nicht immer und überall — bis weit ins 18. Jahr¬ hundert hinein- akzeptiert wurde, erklärt sich aus der amphibischen Natur Frank¬ reichs, die einmal stärker die handeis- und kolonialpolitischen Interessen zur Geltung kommen ließ, ein anderes Mal die kontinentalpolitischen. Hermann Weber, Mainz: Es sind vor allem zwei große Fragenkomplexe angespro¬ chen worden: das Renversement des Alliances und die Rolle der religiösen Fragen. Zuvor: Bei Baden und Württemberg stand im gegebenen Fall die strategisch-militäri¬ sche Bedeutung dieser Länder im Vordergrund; vergleichbare politische Konsequen¬ zen wie im rheinischen Gebiet hat es nicht gegeben. Eine Abwehr gegen Frankreich konnte nur im Rahmen größerer Allianzen erfolgen. — Die religiösen Fragen sind ein sehr heikles Problem. Es wird rekatholisiert, es wird die Sache der Religion aufs Panier geschrieben. Spielte dies eine entscheidende Rolle? War es nur Vorwand? Staatsraison? Sicher war es für die französische Politik im rheinischen Raum eine Chance, wenn sie hier katholische Interessen vertreten konnte und damit Interven¬ tionsmöglichkeiten erhielt. Man muß aber auch an den Zusammenhang mit der inner¬ französischen Auseinandersetzung mit dem Protestantismus denken. War das nur Staatsraison? Oder: War die Friedensbereitschaft des alternden Ludwig XIV. nur ein Ergebnis der äußeren Zwänge, der Notlage Frankreichs, ober gab es hier auch eine Frage des Gewissens? Man denke an die religiös motivierte Kritik Fenelons an seiner Kriegspolitik, an die religiösen Einflüsse der Maintenon. — Das Renversement des Alliances ist ein sehr langfristiger Vorgang. Die große Untersuchung von Max Brau¬ bach setzt mit Recht bereits in der Mitte des 17. Jahrhunderts an. Dieser sehr lang¬ same Prozeß entwickelt sich im zunehmenden Konflikt mit England. Selbstverständ¬ lich ist es richtig zu sagen, dies sei nicht nur ein kontinentaler Konflikt (obwohl man diesen auch nicht unterschätzen darf!), sondern ein Konflikt, bei dem die atlantische Komponente eine immer stärkere Rolle spielt. Das zeigt sich schließlich ganz deutlich im Augenblick des Zustandekommens des Renversement und in dem unmittelbar darauffolgenden 7jährigen Krieg, der ja eine kontinentale und eine atlantische Seite hat. Dennoch: Der französisch-englische Gegensatz löst den französisch-habsburgi- schen nicht einfach ab, sondern er überlagert ihn ganz allmählich, beide bestehen auch in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts noch gleichzeitig; man darf doch den österrei¬ chischen Erbfolgekrieg nicht vergessen! Sicherlich gab es auf österreichischer wie auf französischer Seite auch in der Endphase noch starke Widerstände. Die Verhandlun¬ gen in Versailles z. B. fanden in allerengstem Rahmen statt, die Pompadour spielte dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Den letzten Anstoß für die Entscheidung auf beiden Seiten gab der Vertrag von Westminster zwischen England und Preußen. — Frau Ennen hat völlig recht, wenn sie darauf hinweist, daß die Situation Kurkölns auch durch das gespannte Verhältnis Wittelsbach-Habsburg bestimmt ist. Hier zeigt sich eine durchgehende Linie, die fast nicht unterbrochen wird. Man kann das umge¬ kehrte bei den Schönborn sehen: Hier ist die Bindung an Habsburg durch Vorteile bestimmt, die den Schönborn durch den Kaiser zugekommen sind. 89