mit allen diesen Fragen nicht etwa befaßt, weil er in seinem Amt nicht voll gefordert gewesen wäre, sondern weil seine Amtspflichten das forderten. Zu dieser damals wie heute keinesfalls selbstverständlichen Auffassung vom Beruf des Offiziers kam Vauban vornehmlich aus zwei Gründen. Zunächst weil er — über¬ zeugt wie Descartes, daß alle Vorgänge, physische wie psychische, der Kausalität unterworfene, untereinander verbundene, der Vernunft zugängliche mechanische Abläufe seien — meinte, den Teil nur im Rahmen des Ganzen verstehen zu können, und demgemäß, in Befolgung des Prinzips des „methodischen Zweifels“, jede fachli¬ che Absonderung transzendierend in seinem Fragen erst innehielt, wenn er glaubte, das „primum movens“ solcher mechanischer Abläufe gefunden zu haben und damit den Schlüssel für eine der „raison“ gemäße Lösung anstehender Probleme58. In seinem Weltverständnis wie in seiner beruflichen Praxis hielt sich Vauban also weitgehend an die rationalistisch-mechanistische, auf den Nachweis zähl- und meßba¬ rer Bewegungen, auf mathematische Abstraktion zielende Denkweise von Descartes. Es konnte ihm daher gelingen — nach Fontenelle das Verdienst, das ihm 1699 die Aufnahme in die Académie des Sciences gebracht hat —, die Mathematik vom Himmel herunterzuholen und den Bedürfnissen der Menschen dienstbar zu machen, nämlich der Perfektion der Kriegsmaschinerie wie auch friedlichen Zwecken59. Er wurde so zum „grand ingénieur“ oder „ingénieur de France“, doch nicht etwa zu einem allein um die organisatorisch-technische Perfektion aller Bereiche des Militär¬ wesens sowie von Regierung und Verwaltung Frankreichs bemühten „homo faber“. Die Bedeutung moralischer Potenzen, zumal im Kriege, war ihm keineswegs fremd, die von manchen seiner Epigonen vertretene Meinung für ihn daher unannehmbar, daß es gerechtfertigt sein könne, eine Festung zu übergeben, sobald das „Maximum“ erreicht, d. h. sobald die in der allein materielle Faktoren berücksichtigenden „Ana¬ lyse einer Festung“ errechnete Zeit ihrer Verteidigungsfähigkeit abgelaufen sei. Vauban sah in diesem „Maximum“ nur ein fiktives technisches Datum zur Bezeich¬ nung ihrer potentiellen Stärke bzw. einen Vergleichswert. Die tatsächliche oder aktua¬ lisierte Stärke einer Festung war für ihn, in der Terminologie von Clausewitz, ein Produkt aus den in diesem „Maximum“ auf eine rechnerische Größe gebrachten „physischen Mitteln“ einerseits und der „Stärke der Willenskraft“ ihrer jeweiligen Besatzung andererseits, letztere für ihn also nicht beliebig auswechselbares, nur zu disziplinierendes bzw. abzurichtendes und nicht auch für den Kampf zu motivierendes Menschenmaterial, in anderen Worten nicht ein invariabler und damit bei der Beurtei¬ lung der Widerstandskraft einer belagerten Festung zu negligierender Faktor60. Ein zweiter Grund, weshalb Vauban nach allen Seiten die mit seiner dienstlichen Stellung definierten Grenzen überschritten hat, ist darin zu sehen, daß das stärkste Motiv für sein berufliches Engagement nicht Königstreue im Sinne der von ihm bei den Ministern als illustres esclaves konstatierten Bereitschaft zu unbedingter Unter¬ ordnung unter den Willen des Monarchen bzw. zum Verzicht auf die Frage nach dem 58 Zur Bedeutung der Philosophie von Descartes für Vauban vgl. Rebelliau, S. 132, 195, 348. Freilich finden sich in seinen Denkschriften und Briefen keine Hinweise, die eine Lektüre von Werken des Philosophen belegen. 59 Fontenelle I, S. 100. 60 Müller, S. 59 und Clausewitz, S. 93, 257 ff. 61