typischen Haupt- und Residenzstädte, die unmittelbar neben bereits bestehenden Haupt- und Residenzstädten aus dem Boden gestampft wurden: Neuwied neben dem Burgort Altwied, Karlsruhe neben Durlach31. Wir kommen zu der für unser Thema wichtigsten Städtegruppe, die wir in ihren allgemeinen Zügen schon charakterisiert haben. Während die bastionierten Reichs¬ städte ihre mittelalterliche Struktur — auch für das Militärwesen zuständige Ratsver¬ fassung, archaische Finanzverwaltung — und Funktion — Schutz der Bürgerschaft — beibehielten, sind die landesherrlichen frühneuzeitlichen Festungsstädte eingebunden in die Organisation eines modernen Staates. Für das Deutsche Reich müssen wir hier allerdings eine Einschränkung machen. In vielen Mittel- und Kleinstaaten konnten die Landstände ihre Stellung bis zur Französischen Revolution behaupten; bei ihnen lag die Bewilligung der erforderlichen enormen Mittel für den Festungsbau. Mitunter ergänzt sie der Fürst aus seinem Kammergut, es konnten gelegentlich Subsidien ver¬ bündeter Mächte herangezogen werden. Die betreffenden Städte weigerten sich fast immer, den modernen Ausbau der Befestigung zu bezahlen, wären damit auch restlos überfordert worden. Eine rein landständische Befestigung stellt Klagenfurt dar, es war von 1518 bis 1848 eine Stadt der Kärntner Landstände32. 1514 brannte Klagenfurt, das damals nur 800 Einwohner zählte, so total ab, daß ohne äußere Hilfe eine Wiederbefestigung nicht möglich war. Die Landstände wünschten dringend eine solche, um gegen die Einfälle der irregulären türkischen Reiterei, der Akindschis, gegen die Bauernauf¬ stände und gegen venetianische Eroberungsvorstöße gewappnet zu sein. Ihre Interes¬ sen trafen sich mit denen des Kaisers Maximilian, der 1500 die Grafen von Görz beerbt hatte und ebenfalls die expansiven venetianischen Bestrebungen fürchtete. Er schenkte die Stadt 1518 den Ständen mit der Auflage, sie als Festung auszubauen. Sie holten sich aus der oberitalienischen Fachschule Domenico de Laio aus Lugano; er erstellte eine Festung nach altitalienischer Manier: eine Rhombusfigur mit durch Bollwerken verstärkten Ecken. Allerdings kapitulierte die Festung 1600 kampflos und spielte in der Auseinandersetzung Österreichs mit Venedig 1616/17 kaum eine Rolle. Sie erhielt erst bei Beginn des Dreißigjährigen Krieges eine kleine ständige Besatzung, wurde 1683 auch artilleristisch verstärkt. Aber 1784 wurde ihre Ausscheidung aus den österreichischen Festungen angeordnet; man gab auch das Glacis zur vorstädti¬ schen Bebauung frei und reprivatisierte die militärischen Freizonen innerhalb des Wallringes. Die Franzosen haben die Festung wieder instandgesetzt, sie aber 1809 vor ihrem Abzug auf Grund des Wiener Friedens gründlich zerstört. Wir kehren nach Deutschland zurück. — Als Beispiel einer Weserfestung möchte ich Hameln vorführen33. Ein „Gibraltar des Nordens“ hat man es genannt, auch Luxemburg erhielt diesen Titel. — Das seit 1277 welfische Hameln beherrschte einen 31 Theodor Kraus, Neuwied, in: Berichte zur Deutschen Landeskunde 16, 1956. Edith Ennen und Franz Irsigler, Die frühneuzeitliche Stadt, in: Westfäl. Forschungen 24, 1972, S. 7—63, Edith Ennen und Manfred van Rey, Probleme der frühneuzeitlichen Stadt, vorzüglich der Haupt- und Residenzstädte, in: Westfäl. Forschungen 25, 1973, S. 169—212. 32 Freundlicher Hinweis von Herrn Dr. W. Neumann. — Gustav Adolf von Metnitz, Das ständische Klagenfurt 1518—1628, Franz Kohla, Festungswerk Klagenfurt des 16. Jahrhun¬ derts. (Die Landeshauptstadt Klagenfurt, Bd. 1) Klagenfurt 1970. 33 Rudolf Feige (u. a.) wie Anm. 30. 28