Zwei Gegenbeispiele stellen die westfälischen Reichsstädte Dortmund und Soest, dessen Reichsstadtqualität allerdings fraglich geworden war, dar, deren Niedergang auch mit dem Unvermögen zusammenhängt, sich modern zu befestigen. Dortmund hatte auf Bastionen verzichtet; die Besetzungen im Dreißigjährigen Krieg haben die Stadt ruiniert27. Von den rund 1 400 bürgerlichen Haushaltungen vor dem Krieg blie¬ ben kaum noch 400 übrig. Die Kapitalschuld erhöhte sich von 9 000 Rtlr. auf über 200 000 Rtlr. um 1653. In Soest hatte man im 16. Jahrhundert eine Modernisierung der Befestigung versucht28. Man benutzte die Stadtmauer als äußere Futtermauer des Walles, den der Geschützkampf nötig machte. Den Schutz der Bedienungsmannschaf¬ ten suchte man durch bewegliche Schanzkörbe zu erreichen. Das war billig, hatte aber den Nachteil, daß ein solcher Wall den fortschreitenden Bedürfnissen der Folgezeit nicht weiter angepaßt werden konnte. Die nie vollendete Errichtung einzelner großer Bastionen und Ravelins vor den Torburgen blieb unzureichend: die Stadt wurde im Dreißigjährigen Krieg „ein Spielball in den Händen der Heerführer“ (Schwarz). Die zweite Gruppe der Städte, die auf eine Befestigung verzichten, sind entweder durch eine bestimmte wirtschaftliche Funktion — Bergstadt, Bäderstadt, Fabrikort — ausgezeichnet oder neugeschaffene Residenz- und Hauptstädte. Die sechs Oberharzer Bergstädte29, die im 16./17. Jahrhundert Bergfreiheit und Stadtgerechtsame erhielten, waren nie befestigt. Sie sind zunächst auch ohne Plan gewachsen, Sankt Andreasberg zog sich kilometerlang mit großen Höhenunterschieden hin, die Anlage von Grund folgte den Windungen der fünf Täler, die vom Stadtmittelpunkt ausstrahlen. Da war eine Befestigung kaum möglich. Es handelt sich insgesamt um Altenau (Bergstadt¬ rechte zwischen 1617 und 1636), Sankt Andreasberg (vor 1537 Bergstadtrechte, 1593 verbesserte Bergstadtfreiheit), Clausthal — Zellerfeld (1557 bzw. 1532 Freie Berg¬ stadt), Grund (1532 Bergfreiheit, 1535 erstes Stadtsiegel), Lautenthal (1560 Stadt¬ rechte), und Wildemann (Bergfreiheit im 16. Jh.). Es gibt aber auch befestigte Berg¬ städte. Beispiel einer offenen Bäderstadt ist Pyrmont, das 1720 Stadtrecht erhielt30. Elberfeld, in den territorialen Auseinandersetzungen zwischen Köln und Berg und Berg und Mark als befestigte Freiheit hochgekommen, erhielt 1610 ein Stadtprivileg und 1619 eine Stadtmauer. Aber schon setzte die moderne Entwicklung einen ganz anderen Akzent: zusammen mit Barmen errang es in der Garnbleicherei im engen Wuppertal eine monopolartige Stellung; die Mauer wurde zum Hindernis der wirt¬ schaftlichen Entwicklung. 1642 drängten die Bürger darauf, die Mauern abzutragen, 1770 wurde das letzte Tor niedergelegt. Danach konnte sich die Stadt ungehindert ausdehnen. Der benachbarte Fabrikort Ronsdorf, 1737 von dem Sektierer und Unter¬ nehmer Elias Eller gegründet, erhielt 1745 Stadtrecht und blieb unbefestigt.30“ — Teilweise offene Städte waren und blieben die für das 17. und 18. Jahrhundert so 27 Luise von Winterfeld, Geschichte der freien Reichs- und Hansestadt Dortmund, 4. erw. Aufl. Dortmund 1963, S. 134 ff. 28 Hubertus Schwarz, Die Befestigungen einer Hansestadt (Soest). (Städtewesen und Bürgertum als geschichtliche Kräfte. Gedächtnisschrift f. F. Rörig) Lübeck 1953, S. 443 ff. u. Abb. 5. 29 Erich Keys er, Hrsg., Deutsches Städtebuch. Bd. III, 1, Niedersachen und Bremen, Stuttgart 1952. 30 Rudolf Feige, Moritz Oppermann u. Hermann Lübers, Heimatchronik der Stadt Hameln und des Landkreises Hameln-Pyrmont, Köln 1961, Abbildung von Pyrmont 1717 auf 308 KL Goebel in Verbindung m. R. Kaiser, Ronsdorf, (Rhein. Städteatlas VI, Nr. 33) Köln 1980. 27