Festungsstadt, der man sich von der Außenseite näherte, besser als alle unsere. Rekon- struktionsversuche. Gerade deshalb, weil sich ein Gesamtbild so schwer erfassen ließ, war man an den Plan fixiert, seine Regularität wird als Prinzip ästhetisiert. Die unge¬ ordnete Landschaft und mehr noch die scheinbare Planlosigkeit älterer Siedlungen und Städte kontrastierte in denkbar größter Weise mit dieser geordneten Welt. Die Tatsache, daß sich Vauban mit seiner Anregung zur Begründung der impo¬ santen Modellsammlung in der Grande Galerie des Louvre (heute als Musée des Plan-Reliefs bei Invalides) beim König 1668 durchsetzen konnte32 zeugt davon, daß er sich von der Fixierung an die Unräumlichkeit des Plans lösen, daß er das „Relief“ der Festungsstadt mit allen ihren Baulichkeiten plastisch vor sich sehen wollte. Unter Dahlberg ist dahingegen der Modellbau nur im ganz beschränkten Rahmen betrieben worden, er war statt dessen getreu seiner Schulung dem Vedutendenken verpflichtet, bei dem sich über dem breitgelagerten mächtigen Sockel der Festungswerke die Sil¬ houette der bürgerlichen Bebauung erhebt, bekrönt schließlich von den herausragen¬ den öffentlichen Gebäuden. Vauban begriff das, zumindest in seinen letzten reifen Jahren anders: Bis hin zur Bepflanzung der städtischen Plätze und Alleen bietet das unter seiner Aufsicht gefertigte berühmte Modell von Neuf Brisach in voller Poly¬ chromie und ohne unnötige Überhöhung des Maßstabs ein rationell erfaßbares Bild. Daß es in derselben Modellbauschule bald auch zu getreuen Porträts älterer Städte kam, ist für die Beurteilung dieser Veranschaulichungsweise ein kennzeichnender Zug. Warum, so muß man wohl fragen, sind diese Beispiele in den früheren Bearbeitun¬ gen der Stadtbaukunst seit Albert Erich Brinckmann33 nicht mitbehandelt worden? Was ist das für ein Unterschied zwischen der Place Vendôme und vergleichbaren Pari¬ ser Platz- und Straßenbildern aus dem Zeitalter Ludwigs XIV. und der Place des Armes in Saarlouis? Die in ein bestehendes urbanes Gefüge eingepflanzten Teilpla¬ nungen, so aufwendig sie auch mit prachtvollen Fassaden bebaut und mit Denkmälern bestückt sein sollten, können niemals etwas von dem Gesamtbild der Stadt vermitteln, das auch dieser Epoche vorgeschwebt hat. Jeder echte Stadtplaner will seine Gesamt¬ konzeption verwirklichen und diese Vision hatte zur fraglichen Zeit nur Aussicht auf Ausführung im Rahmen einer Festungsstadt, alles andere mußte Stückwerk bleiben. Aus den Places Royales in Paris läßt sich — obwohl es an hypothetischen Versuchen dazu nicht gefehlt hat — kein zusammenhängendes Stadtbild rekonstruieren, sie blei¬ ben operative Eingriffe an einem bestehenden Organismus trotz ihrer eigenständigen Räumlichkeit und bei aller ablesbaren Axialität. In demselben Sinne äußerte sich Hans Bernhard Reichow, einer der führenden Stadtplaner unserer Gegenwart, als er mir seine Erweiterungsprojekte für Saarlouis um 1971 zu erläutern suchte — alles mußte Bezug nehmen auf das bedeutende durch den Stadtplan verkörperte Denkmal, die dadurch gesetzten Maßstäbe und Ordnun¬ gen, auch wenn sich Saarlouis seit 1889 ohne die dazugehörigen Festungswerke dar¬ bietet. An diesem Punkt offenbart sich deutlich die Einheit der beiden von mehreren neomarxistischen Autoren als unversöhnlich hingestellten Elemente, des zivilen und 32 Une France miniature. Le musée des plans-reliefs, Paris 1979. 33 A. E. Brinckmann, Platz und Monument, München 1908, S. 00, Paul Zucker, Town and Square. 17